OFFSHORE

Leça da Palmeira

Veröffentlicht in Reisereportagen von Olaf Bargheer am März 30, 2007

Reisereportage /// Portugal /// September 2002

Der 71er Bus biegt kurz hinter der Stadtgrenze von der Schnellstrasse ab und fährt, in einem grossen Bogen, durch Matosinhos, hält bestimmt noch fünf oder sechs mal und muss dann noch einmal ganz um den Frachthafen von Leixoes herum fahren, an rostigen Containerschiffen und gelb lackierten Kränen vorbei zum Strand von Leça.

Man fährt schneller mit der Linie 44 von der Rotunda de Boavista, aber Matosinhos mit seinen kleinen Läden und Bars, den Drahtstühlen auf den schattigen Gehwegen und den Blumenrabatten zwischen den Fahrstreifen, das alles wollte ich ihr zeigen und nahm die zwanzig Minuten mehr in Kauf, obwohl es schon später Nachmittag war und schon nicht mehr sonnig.

An der Haltestelle Praya de Leça steigen wir aus, übermütig fast nach der langen Fahrt, ausserdem muss man immer darauf gefasst sein, dass der Busfahrer die Station einfach auslässt, wenn man sich nicht frühzeitig bemerkbar macht. Als wir draussen sind, im Seewind, der Salz und feinen Sand in die Augen und Haare treibt, schauen wir über die Promenade und das Volleyballfeld hinweg zu der unruhigen Linie der auslaufenden Wellen. Gischt und Brandung, dazwischen immer wieder auftauchend die schwarzen, zerrissenen Felsen, aufkommende Abendflut. Der Atlantik drückt hier auf den Strand und an der Kaimauer der Hafeneinfahrt, die, gut hundert Meter links von uns, ein ganzes Stück weit ins Meer reicht, brechen sich die Wellen mit Wucht und einem lauten, berstenden Donner.

Wir lassen noch ein paar Autos vorbeifahren und gehen dann über die Strasse und die Treppe hinunter zum Strand. Eine einzelne Plastiktüte im Wind, das Volleyballnetz flattert, der Sand ist noch ganz warm von der Sonne des Nachmittags. Wir ziehen die Schuhe aus und krempeln unsere Hosen hoch. Schwere Schritte, die Füsse sinken ein in den warmen Sand, man stapft und rudert mit den Armen, und hinter einem rieseln die Löcher vom Rand her schon wieder zu. Wir lachen. Nach Norden zu, hinter Strandwachttürmen und Fahnenmasten liegen die piscina und Alvaro Sizas Casa de Cha, aber bis dahin ist es noch ein ganzes Stück.
1958, Sizas erstes Haus, einen besseren Platz hätte der damals noch unbekannte Architekt nicht finden können. Es liegt, sehr weiss und geduckt, auf einer schmalen Landzunge, eigentlich nur ein Felsen, von Wellen und Möwen auf drei Seiten umschlossen. Ausnahmsweise Doppelverglasung auf der Seeseite, gegen Sturm und Salz und Lärm. Das breite Fensterband lässt sich versenken, dann ist der Raum verwandelt in einen Balkon, eine grosse Freilichtbühne mit dunkel gebeiztem Holz und braunen Ledersesseln. Das Teehaus ist heute so etwas wie eine Legende unter Architekturstudenten. Zusammen mit dem wenige hundert Meter entfehrnt liegenden Strandbad bildet es den Kern des Erfolges des heute zur internationalen Elite gehörenden portugiesischen Architekten. Siza ist in Leca geboren, entsprechend viel hat er gebaut in seiner Heimatstadt und in Porto. Im Moment arbeitet er mit Frank O´Gehry zusammen an einem neuen Trakt für die von ihm entworfenen Architektur-Fakultät der Universität.

Ich war im September das erste mal oben am Casa de Cha. Die Sonne stand hoch und brannte auf das Busdach des 71ers. Nicolas, ein französischer Architekturstudent aus Marseille hatte seine Sonnenbrille auf, wir sassen uns gegenüber auf den orange-farbenen Sitzen im hinteren Busteil und ich hoffte, wir würden bald da sein, bei dem Haus mit dem seltsamen Namen, das Nicolas mir hatte zeigen wollen. C’est très simple mais avec une énorme esprit, hatte er gesagt und deshalb sassen wir jetzt in diesem heissen, überfüllten Bus und steckten im Feierabendverkehr fest. Später dann, nachdem wir erst beim Strandbad gewesen waren, lümmelten wir auf den braunen Loungesesseln vor einem cerveja und sahen uns den Sonnenuntergang an, der durch die Panoramascheibe aussah wie ein Südsee-Werbeclip auf einem riesigen 16 x 9 Fernseher.
Wir redeten über das glatte, dunkle Holz und die Ruhe, die die rechten Winkel und die ebenen, weissen Flächen hervorrufen und ich ärgerte mich, meine Praktika nicht mitgenommen zu haben. Das nicht gemachte Foto: Nicolas, dunkel und unrasiert vor dem rot-glühenden Sonnenuntergang, Lichtreflexe auf den Gläsern seiner Ray-Ban und den Bierflaschen. Man sollte in Porto niemals weggehen ohne seine Kamera einzustecken.

Jetzt also Ende Oktober, meine Freundin und ich ohne Sonnenbrille, die Brandung, ohne Surfer, ist sich selbst genug und die piscina über Winter geschlossen. Das Schwimmbecken ohne Wasser, wie eine blau ausgestrichene Baugrube. Die niedrigen Mauern liegen zwischen den grossen Felsen und grenzen, kaum auffällig, Gänge, Kabinen und Aufenthaltsräume zum Strand und zur Strasse hin ab. Nicolas, ich kann mir nicht helfen, es erinnert mich an Atlantikwall-Bunker, ein deutscher Architekturstil der Vierziger. Aber ich war zu voreilig gewesen mit meinem Urteil. Sizas Strandbad braucht seine Zeit, auch wenn man seine einfache Bauweise mit einem Blick erfassen kann. Die Kraft und die so geniale wie einfache Lösung des Gebäudes erschliessen sich erst beim zweiten Hinsehen.

Das Mauerwerk, hatte Nicolas mir erklärt, besteht aus einem sehr groben, sehr körnigen Zement, dem der zerstossene Fels der Küste beigemengt ist. Dadurch entsteht diese erstaunliche Wirkung der Einbettung des ebenen Gebäudes in die zerklüfteten Felsen. Siza respektiert die vorgegebene, rauhe Architektur der Küstenmorphologie.

Du musst dir vorstellen, sage ich zu Marleen, als wir vor der verschlossenen piscina stehen, dort drüben, an der Promenade, wo jetzt die üblichen misslungenen Hochhäuser stehen, war damals nichts, nur Dünen. Hinter dem Hafen war Schluss mit Leca, Siza baute sein Strandbad mitten in die Natur. Wir blicken über die Uferstrasse nach Norden, eine Linie von Apartmenthäusern, sechs oder acht Stockwerke hoch, mit kleinen Geschäften und Eisdielen zur Promenade hin. Geparkte Autos, Fahnenmasten, ein Kiosk. Ganz oben, den Horizont begrenzend, die kleine Landzunge mit dem Casa de Cha.

Trotz der Promenade, man kann gut baden gehen in Leca de Palmeira. Die Busfahrt von Porto kostet einen Euro und das Wasser ist trotz gegenteiliger Behauptungen der Portugiesen klar und sauber. Im September hatte es vielleicht 21, 22 Grad, es ist immerhin der Atlantik, der hier gegen die Küste brandet. Surfergebiet. Wer eine unbewegte, warme Badewanne haben will, muss an die südliche Algarve fahren, oder ans Mittelmeer. Einmal war ich mit den Franzosen in Ofir, ein Stück weit nördlich von Porto. Man fährt eine halbe Stunde auf der Schnellstrasse und ist dann mitten in hohen Dünen. Einsame Buchten mit breitem Strand, ab und an eine Mole, ansonsten nur Sand, Gräser und Möwen. Abends Sonnenuntergang über dem Meer.

Als Marleen und ich am Casa de Cha sind, ist es fast dunkel. Ich mache im Restlicht noch ein paar Aufnahmen vom Leuchtturm und der Aussentreppe des Hauses, dann gehen wir hinein. Drinnen ist es warm und sehr still. Indirektes Licht, das Zusammenspiel vom dunklen Braun des Holzes und dem Weiss des Mauerwerks, in der Eingangshalle ein grosses Aquarium. Wir sind etwas durchgefroren vom Seewind und bestellen Tee. Auf dem 16 x 9 Fehrnseher heute drohend wolkenverhangener Abendhimmel. Der Tee ist gut, man bezahlt natürlich den Blick mit, was ihn dann in etwa soviel kosten lässt, wie in einem Café in Deutschland. Ohne Meeresblick.

Wir kommen wieder auf Siza zu sprechen: Für die portugiesischen Architekturstudenten ist er sowas wie ein Gott, negative Kritik wird aufgefasst als Blasphemie. Meine ausländischen Freunde an der Fakultät haben daher so ihre Sorgen. Siza und der ebenfalls sehr angesehene Eduardo Souto Moura haben in Porto so etwas wie eine Schule, alle Entwürfe, die man zu sehen bekommt von den Studenten, sehen aus wie Gebäude der beiden Meister, weiss und plan und von stiller Kraft. Mein schwedischer Mitbewohner Anders stiess mit seinen unkonventionellen, organischen Formen auf taube Ohren. Sowas machen wir hier nicht, mit sowas können sie hier nicht kommen, meinten seine Professoren. Dabei weisen Sizas Gebäude bisweilen unleugbare Mängel auf. Die Sichtbetonfassade der Architekturfakultät hat nach nur zwei Jahren feuchtem Küstenklimas schon Wassernasen, unter den Balkonen bildet sich Schimmel und Pilz. Porto ist einfach zu nass für Sizas saubere, helle Gebäude.

Uns ist nach dem Tee ganz warm und wohlig, aus versteckten Lautsprechern kommt leise Bossa Nova, draussen vor der Doppelverglasung walten die Elemente, unhörbar und mittlerweile auch im Dunkeln. Wir bekommen langsam Hunger und beschliessen, in der Stadt ein paar Frangos aufzutreiben, Hähnchen vom Grill mit einer scharfen Sauce, die man mit Broa de Milho isst, einem sehr dunklen, frischen Maisbrot. An der Bushaltestelle kommt passenderweise der 44er als erstes, wir steigen ein und lassen Leça und Matosinhos rechts neben uns liegen, der Abendflut und dem kühlen Seewind überlassen.

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