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Begegnungen im virtuellen Schwemmland

Veröffentlicht in Kulturreportagen von Olaf Bargheer am November 23, 2007

Das Dresdener CYNETart Medienkunst Festival fordert von seinen Besuchern Sinnlichkeit und Gespür für digitale Technologie. (für DIE ZEIT 22.11.2007)

Die Residenzstadt Dresden glänzt nicht nur mit barocken Gemälden und Bauwerken. Sie ist auch ein Hot Spot in der europäischen Topografie der Medienkunst. Die im Silicon Saxony angesiedelte Trans Media Akademie veranstaltet im elften Jahr die CYNETart, ein neuntägiges Festival für computergestützte Kunst. In direkter Nachbarschaft zu den Labors von AMD und Infinion will man in Hellerau praktisch prüfen, wie technologische Entwicklungen künstlerische Ausdrucksformen und Wahrnehmungsweisen verändern. Etats und Bandbreite sind gemessen an den Flaggschiffen Transmediale / Berlin oder Ars Electronica / Linz gering, die Konzentration auf die eigenen Fragestellungen führt aber jedes Jahr im November zu einem dichten Programm mit Installationen, Performances und Workshops. Kunst aus Dresden wird eine Woche lang nicht mit Alten Meistern gleichgesetzt, sondern stellt sich interaktiv, virtuell und weltweit vernetzt dar.

Auf der Tanzfläche des gerade sanierten Festspielhauses Dresden-Hellerau steht eine Tänzerin. Sie ist reglos. Auf verschiedenen Projektionsflächen flirren farbige Raster und Strukturen. In der Luft ein Rauschen, nahezu Raumklang. Die zunächst unschlüssigen Zuschauer treten langsam auf die Tänzerin zu und sondieren die Anordnung der Installation. Sie bemerken, dass hier nichts von allein stattfinden wird. Der Besucher ist selbst Teil dieses virtuellen Environments. Seine Position im Raum, seine Bewegungen und Interaktionen mit der Tänzerin werden von Sensoren abgenommen und von Hochleistungsrechnern in Sound und Bilder umgesetzt. ‘Se Mi Sei Vicino’ (Wenn du mir nah bist) nennt die italienische Medienkünstlerin Sonia Cillari ihre interaktive Performance auf der CYNETart. Eine Erforschung der Beziehungen zwischen Körper und Umwelt, bei der ein Körper ein Interface bildet, eine digitale Schnittstelle.

Der Medienkünstler Ulf Langheinrich hat eine klassische Ausbildung in Malerei. Er besuchte Anfang der achtziger Jahre die Kunsthochschulen in Dresden, Halle und Wien. Die Gemälde aus dieser Zeit sind ausgeruht und unaufdringlich. Auf einigen seiner Bilder treten gesichtslose Figuren aus den pastosen Hintergründen heraus. Sie stehen dem Betrachter unvermittelt gegenüber, halten aber keine Geschichten für ihn bereit. Langheinrichs Bilder erzählen nicht, sie erzeugen Stimmungen. Genau diese Bildsprache setzte er später auch in seinen virtuellen Environments ein, als er beschlossen hatte, Leinwand und Pinsel einzutauschen gegen Synthesizer und turmhohe Macintosh-Rechner. Seit 1991 produziert Ulf Langheinrich mit seinem Partner Kurt Hentschlaeger unter dem Namen Granular Synthesis.

Klaus Nicolai und Thomas Dumke, Leiter der TMA und der CYNETart, nennen ihre digitale Plattform Tele-Plateau. Ein virtueller Transitraum, in dem Tänzerinnen in Dresden, Norrköping und St. Petersburg gemeinsam eine Online-Performance zeigen. ‘Bühnenraum’ ist ein Begriff, der in diesen Zusammenhängen abgenutzt wirkt. Die Begriffe aus der Kunst und aus dem Theater liefern kaum noch stimmige Erklärungen für die aktuellen Entwicklungen. Medienkünstler wie Nicolai, Dumke und Langheinrich betonen, dass Beschreibungsversuche für sie gleichermaßen spannend wie letzten Endes irrelevant sind. Sie schaffen intensive Erlebnisräume. Digital durchkomponiert, alle technologischen Möglichkeiten auslotend und alle klassischen Wahrnehmungsmuster ignorierend. In der Medienkunst findet man daher zwei Ansätze: die Suche nach ausgefeilter technischer Perfektion und den Versuch, Laborsituationen zu schaffen, in der schlichte Versuchsanordnungen neue Ausdrucksformen hervorbringen. Ein Rechnerabsturz kann im ersten Fall als Desaster gelten, im anderen als freie Improvisation: Trial and Error.

An einer marktgerechten Profilierung der Gattung scheint der Medienkunst nicht gelegen. Wenig künstlerisch anmutende Bereiche wie Second Life oder Online-Gaming sieht man bei der CYNETart als unterschiedliche Äußerungsformen desselben Phänomens: Neben unserer Realität halten wir uns immer öfter in virtuellen Welten auf. Die virtuellen Funktionsweisen verändern nach und nach unsere Verhaltensmuster. Digitale Kommunikation und der Monitor als Fenster in die parallele Welt sind so verinnerlicht, dass die radikale Umwälzung kaum ins Auge springt. Wer sich als Künstler mit den vertrackten digitalen Medien auseinandersetzt, wirkt überraschend gelassen und setzt die vielen neuen Möglichkeiten ein, wie es ihm sinnvoll erscheint.

Im Film entwickelten sich als Reaktion auf die opulente Bildsprache des Hollywood-Kinos Bewegungen wie ‘Dogma’. Die Filmemacher wollten die eingesetzten technischen Mittel bewusst sichtbar machen. Verwackelte Handkameras und der Verzicht auf künstliche Szenenausleuchtung sollten das Medium selber als Bestandteil der Illusion auf der Leinwand hervorheben. Die Medienkunst hat ein ähnliches Selbstverständnis entwickelt. Ausgefeilten digitalen Gestaltungstools wird wieder das Raue und Unmittelbare analoger Techniken an die Seite gestellt. Knistern, Klicks und Rauschcluster geben den minimalen Kompositionen von Carsten Nicolai und Rioji Ikeda eine unerwartete Wärme. Ulf Langheinrich sympathisiert in seinen Videoarbeiten trotz aller kühlen Perfektion mit grobkörnigem Super 8.

Ulf Langheinrichs Haltung ist heute dieselbe wie die in seinen stimmungsvollen Gemälden. Die audiovisuellen Environments für seine Transmediale-Arbeit ce_I und seine CYNETart-Produktion Movement A lassen die Körper der Tänzer in einem ‘digitalen Schwemmland’ versinken. Die in Stroboskoplicht getauchten Räume entwickeln eine sinnliche Dichte und Tiefe. Der Besucher wird hineingezogen in eine existenzielle Erfahrungssituation. Wer mit Künstlern wie Ulf Langheinrich spricht, muss sich stark zurückhalten, nicht in transzendentale Gefilde zu geraten. Es beschleicht einen das Gefühl, die digitalen Bühnenbildner planen eine zumindest spaltweite Öffnung der Pforten der Wahrnehmung.

Die Trans Media Akademie Hellerau ist sich der Aufgabenstellung ihrer Nische bewusst. Und auch der Gefährdung: In Stuttgart schloss nach drei Spielzeiten das vom Opernintendanten Klaus Zehelein ins Leben gerufene ‘Forum Neues Musiktheater’. In Berlin wurde die Förderung für das 2005 gegründete Medienkunstzentrum ‘Tesla’ nicht verlängert. Der Vorhang fällt hier zum Jahreswechsel. Das Selbstverständnis als Labor und Versuchsanordnung scheint den Institutionen nur eine Interimszeit zu gewähren. Die Vermittelbarkeit der in den Ateliers und Studios geleisteten Arbeit stellt offenbar ein entscheidendes Kriterium für die finanzielle Förderung dar. In Dresden will man daher in Zukunft verstärkt in die Gesellschaft hinein wirken. Die Stadt, in dessen touristischem Imageprofil die CYNETart kaum vorkommt, plant den Aufbau eines interdisziplinären Studiengangs. Medientechniker, Choreografen und Programmierer sollen bald gemeinsam an einem Master-Abschluss in ‘virtuellem Environment’ arbeiten.


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