Reisereportage /// Portugal /// Dezember 2002
Am Samstag vor dem dritten Advent fahre ich mit Ana ins Minho. Komm, sagt meine Mitbewohnerin mittags, wir treffen heute Abend ein paar alte Schulfreunde von mir, gehen feist essen und nehmen uns morgen den Wagen von meiner Mutter und fahren hoch zur spanischen Grenze.
Ana ist jetzt achtundzwanzig und arbeitet als Übersetzerin. Sie hat einige der Leute von zu Hause seit Jahren nicht gesehen und ist ein bischen gespannt, dabei aber auch desillusioniert. Du weisst ja, Olaf, wir Portugiesen heiraten so früh und bemühen uns krampfhaft, so schnell wie möglich unsere Jugend abzuschliessen und in irgendwelchen geregelten Verhältnissen zu leben. Ana selbst hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, fühlt sich dementsprechend befreit und lebt recht ungeregelt mit uns Austauschstudenten zusammen.
Nachmittags sitzen wir im Zug, so ein kleiner Bummelzug, voll mit Pendlern und alten Leuten, die zurück aufs Land fahren, nach einem Tag in der Stadt. Die Gepäckablagen sind zum Bersten vollgestopft mit Taschen und Säcken. Ana und ich finden mühsam einen Platz und packen Schinken-Croissants aus. Der Zug zuckelt den Douro hoch, waldige, hügelige Landschaft, manchmal Rebstöcke an den Hängen. Wie lange fahren wir, frage ich. Es ist kaum mehr als eine Stunde bis Barroselos, wo Anas Eltern leben.
Minho nennt man die Region im äussersten Norden Portugals, südlich des Grenzflusses, der dem ganzen Landstrich seinen Namen gegeben hat. Das Minho ist vor allem für drei Dinge bekannt: viele Berge, Kastanien und guten Weisswein. Nach Süden wird es begrenzt durch den Fluss Lima, an dessen Mündung Viana do Castelo liegt, eingebettet zwischen Berge, Fluss und Meer. In Viana ist Ana zur Schule gegangen.
Als wir dort sind, ist es stockfinster und bitter kalt. Ich muss mich bemühen, überhaupt irgendwas ausmachen zu können in der Landschaft. Keine Laterne, Hügel und Serpentinen bis zum Horizont. Weites Land. Ich merke, wie ich mich an das eng bebaute, immer erleuchtete Porto gewöhnt habe. Und an das milde, maritime Klima an der Küste.
I didn’t expect it to be that cold, sage ich zu Ana. Im Restaurant sitzen wir auf Holzbänken. Weisse, schmucklose Wände, Leuchtstoffröhren wie in einer cantina. Der Raum schreit vor Ungemütlichkeit. Dabei kommt in mir der sehr portugiesische Gedanke, dass sich Ambiente und Qualität des Essens antiproportional zueinander verhalten werden. Ein Blick hinüber zur offenen Küche bestätigt das: Eine alte Frau mit Kopftuch kocht über einem offenen Feuer. Sie kippt eimerweise geschälte Kartoffeln in grosse Aluminiumtöpfe, wirft zweigeweise Estragon und Rosmarin in Pfannen und legt immer mehr Scheite nach. Die Flammen schlagen hoch, schwarzer Russ an den Töpfen und auf der Steinwand, ein beinahe archaisches Schauspiel. Die Frau hat die Ärmel hochgekrempelt, ihre Unterarme sind kräftig und sehnig. Sie arbeitet. Das ist keine Kochstelle, denke ich, das ist ein Hochofen. Sie schmilzt in diesen Töpfen Erz zu irgendwelchen Stahllegierungen oder wird gleich anfangen, in der Glut Schwerter zu schmieden. Einen Amboss allerdings kann ich nicht erspähen. Wenn sie einen Deckel abnimmt, kommt aus den Töpfen ein verführerischer Geruch zu uns herüber. Bisweilen haben wir aber erst eine Menge Wein, Brot und schwarze Oliven auf der weissen Tischdecke stehen. Ich fotografiere beim spärlichen Licht des Feuers. 1.8er Blende, 1/60 Sekunde, ich hätte mir einen lichtempfindlicheren Film einstecken sollen. Ich lehne an der weiss getünchten Wand, der Verschluss schlackt, das schattige Gesicht der Alten, heisse Küchendämpfe, milchiges Licht. Manchmal schaut sie auf und lächelt zu mir herüber. Furchen, nein Gräben in ihrem Gesicht, und in jedem steckt das Glück eines einfachen, harten Lebens im Minho.
Was Ana mir bislang nicht erzählt hatte: Dies war ein Schlachteessen. Ein oder zwei Schweine, hinter dem Haus, vielleicht hatte der Ehemann den Bolzen angelegt heute Nachmittag. Das Fleisch muss noch warm gewesen sein, als sie es mit dem Rosmarin und dem Knoblauch zusammen in den Topf gelegt hatte. Als wir vor Hunger schon den ganzen Wein ausgetrunken haben, bringt sie uns das Essen: Terracottaschalen mit Fleisch und Reis, Leber, Innereien, Zunge, von dem Schwein wurde nichts den Hunden überlassen. Ana erklärt mir: Sarrabulho, im Blut gekochte Innereien und Filetstücke mit Reis, Tripas en farinheira, der mit Mehl gefüllte und in Stücken knusprig gebratene Darm, frische Chorizo de verde, aus der beim anschneiden noch Blut läuft, das alles mit Bergen von Bratkartoffeln, Broa de Milho und neuen, frisch entkorkten Weinen der Region.
Man sitzt und redet und trinkt, die Holzbank ist nach einer Weile unbequem und es ist so kalt, dass wir sogar unsere Jacken anbehalten. Und trotzdem: Hier ist ein Refugium, ein Bergdorf, abgeschieden gegen die kulinarische Massenkultur. Hinter dem Haus versickert das geronnene Blut des geschlachteten Schweins in der Erde, ich esse mutig alles Gedärm und Gekröse und denke an meinen Grossvater, der eben so gelebt und gegessen hatte, bis er dann Ende der Sechziger mit meinen Vater ein Haus gebaut hat mit Kühltruhe und einer Garage für den Audi, mit dem man zum Supermarkt fuhr.
Die Portugiesen, darüber spreche ich mit Anas Freunden, haben sich in den letzten Jahren weit grössere Shopping Malls auf grüne Wiesen gestellt, als mein Grossvater jemals gesehen hat. Kein Platz für Kulturpessimismus und Modernekritik in diesem Land. Auch hier, am Rand Europas und dem ärmsten Teil der Europäischen Union kein Refugium. Oder höchstens eines auf Zeit, für ein paar Stunden, während eines Schlachteessens.
Wir hatten, erzählen sie mir, seit dem Ende der Diktatur kaum mehr als zwanzig Jahre, um auf die Moderne eingestimmt zu werden. Da gibt es keinerlei Kontrollinstanzen, wir haben manchmal das Gefühl, es bricht nur so über uns herein, wir haben keinen Masstab, keinen Dämpfer. Wie in einem osteuropäischen Land, denke ich, sage es aber nicht.
Mobiltelefone mit integrierter Digitalkamera, Renault Clios mit geringem Jahreszins, jede zweite Familie, erzählte Ana mir einmal, ist verschuldet. Sie können einfach mit dem Geld nicht umgehen, der Konsumdruck in den Medien ist gross und die Banken vergeben bereitwillig Kredite und Darlehen. Und immer der Blick nach drüben, zu den wirtschaftlich boomenden Nachbarn. Nur an den alten Frauen an der Ribeira, oder in einer Dorfküche im Minho, an denen prallt sie ab, die beschleunigte Moderne. Sie wollen davon nichts wissen, denn sie haben noch ein anderes Wissen.
Salazar. Man kann sich das nicht so recht vorstellen, wenn man nicht Spanier ist oder Portugiese: 1974, immerhin mein Geburtsjahr, Deutschland wird Fussballweltmeister im eigenen Land, Willy Brandt setzt seine Ostpolitik durch, und hier: zwei alte Männer, Diktatoren genannt, aber nur im Ausland oder von der im Untergrund operierenden Opposition. Stolze, man ist fast geneigt zu sagen würdevolle Gesichter, der eine in tadellosem schwarzen Tuch, der andere in der hellen, gebürsteten Uniform mit Kragenspiegeln und Epauletten, Männer aus einer anderen Zeit, aus den 30er Jahren, in denen sie an die Macht gekommen sind, oder sie sich genommen haben, auf die eine oder andere Weise. Natürlich gibt es Farbfotos von ihnen, 1974, aber es mag nicht so recht passen, diese Gesichter, diese Anzüge und Uniformen stellt man sich nicht vor in Farbe. Man glaubt gar nicht, dass Francos Uniform beige gewesen sein könnte, mit roten oder goldenen Abzeichen, man denkt sich diese Uniform, dieses Gesicht in verschiedenen Grauabstufungen, vor grauen, steinernen Gebäuden in Madrid oder in Zaragoza oder in Lissabon. Oder in diesen anderen Portugiesisch und Spanisch sprachigen Ländern, auf der anderen Seite des Atlantiks. Pinochet in Santiago de Chile, Gabriel Garcia Marquez’ Romanfiguren in Kolumbien und Venezuela, helle Leinenanzüge und Hüte, Kolonialgebäude unter Palmen. Ich denke in Bildern, diese Zeiten sind für mich wie Geschichten, wie Romane von Isabel Allende oder José Saramago, ich sehe Jeremy Irons aus dem Geisterhaus oder Marcello Mastroiani als Pereira, aber für die Alten in den Altstadtvierteln von Porto und Sevilla und León, für die sind diese Geschichten ihr Leben und der dunkle Anzug Salazars und die Uniformen Francos und der Guardia Civil waren die stets präsenten Zeichen dieses Lebens, das heute von den Nachgeborenen so schnell wie möglich versucht wird abzuhaken. Wer weiss, vielleicht ist das sogar gut und richtig für das neue, pragmatische Portugal, die Vergangenheitsbewältigung, das Wälzen des Steins der Diktatur ist ja eine deutsche Sisyphosarbeit.
Am nächsten Morgen wache ich spät auf im grossen Bett von Anas Bruder. Kein Strassenlärm hat mich geweckt, keine vor dem Fenster vorbeifahrenden Busse, die die einfachen Scheiben in den Holzrahmen erzittern lassen. Eine ruhige Nacht auf dem Land, in Barroselos. Ana und ich frühstücken tostadas und frische Orangen aus dem Garten. Die Kaffeemaschine jagd zischend und dampfend einen meia de leite durch, der den Rest Caipirinha aus meinem Schädel treibt. Die Bilder der Nacht verfliegen, ich sehe aus dem Fenster über die grau-grünen Hügel des Minho und packe unsere Sachen in den alten Opel: 200er Diafilme, was zu trinken und unsere Jacken. Es ist ziemlich frisch draussen und über den Wiesen steht noch Nebel.
Wir fahren nach Viana und weiter an der Küste hoch zur spanischen Grenze. Ana ist froh, dass ich bereitwillig den Autoschlüssel in die Hand nahm, sie fährt nicht so gerne. Der Wagen zuppelt auf der Küstenstrasse nach Norden, ich muss kräftig am Lenkrad kurbeln weil keine Servolenkung, Ana lümmelt auf dem Beifahrersitz, dreht am Radio und isst ein paar roscas, die wir in Viana gekauft hatten. Roscas in Portugal, churros in Spanien, sie sind beide schaurig süss und bestehen aus nichts als Wasser, Mehl und Zucker. Man bekommt sie an jeder Strassenecke, meistens frisch, am Abend auch schon mal trocken und zäh.
An der Strasse nur halbe Häuser. Die alten halb verfallen und meistens unbewohnt, die neuen noch Rohbauten, einstöckig, mit Säulen neben dem Eingang und allerlei eklektizistischen Simsen und Erkern. Ansonsten Granit. Natursteinmauern und Gehöfte, niedrig und dickwandig, gebaut für Jahrhunderte. An Vegetation einzeln oder in Gruppen stehende Eichen (carvalhos), Pinien (pinheiros) und viel Eukalyptus. Wie kommen die vielen Eukalyptusbäume hierher? frage ich Ana, die gerade einen weiteren rosca verputzt. Meine Frage scheint sie zu wundern und sie erklärt, Eukalyptus wachse nun mal so schnell in die Höhe und weil ständig irgendwelche Feuer ganze Pinienwälder vernichteten, werde danach eben mit Eukalyptus wieder aufgeforstet. Australien in Südeuropa. Portugiesischer Pragmatismus.
Der Himmel will nicht recht aufklaren. Dunst über dem Minho, als wir am Grenzfluss stehen. Die Berge auf der spanischen Seite blau und wie in Aquarellfarben. Wir bekommen keine zu sehen, aber dass die Strände und Felsen dort mit dem Öl des gesunkenen Tankers Prestige verseucht sind, erfährt man jeden Tag aus den Nachrichten. Hier klares kaltes Atlantikwasser und der breite, träge Minho. Wir fragen uns, wo wohl der Fluss aufhört und der Ozean anfängt. Bei Flut drückt das Meerwasser den Minho in seine Mündung zurück, schäumende Wellenkronen zeigen die Linie an, den Kampf der Wasser. Jetzt haben wir Ebbe, keine Frontlinie, der Strom ergiesst sich in den zurückgewichenen Atlantik, es riecht nach Salz und Algen und Tang. Ana erklärt mir die zwei Sorten Algen: Eine wird in Cremes verarbeitet, weil einige ihrer Bestandteile gut sind für die Haut, eine andere sorte wird in der portugiesischen Küche verwendet als Geschmacksverstärker für Fisch. Die algas werden mit dem bacalhau zusammen ins kochende Wasser geschmissen, and when you open the pot after a while, you can smell the ocean. Dabei führt Ana die Finger zum Mund wie ein Chefkoch und macht so ein anerkennendes schmatzendes Geräusch.
Wir fahren auf der portugiesischen Seite flussaufwärts bis kurz vor Valenca do Minho und biegen dann nach Süden ab, in die Berge. Eine weisse Strasse auf meiner Michelin-Karte. Eine Michelin-Karte ist eingeteilt in drei Arten von Landstrassen, aber man muss sagen: in Spanien und Portugal erscheint einem diese Einteilung nicht ganz schlüssig. Eine rote Strasse kann vierspurig sein und ausgebaut wie die beste Europastrasse in Baden-Würtemberg. und dann biegt man ab auf eine gelbe, die nächst niedere Kategorie und auf der Karte und als Linie wirklich vertrauenserweckend, und man kommt sich vor wie mit seinem Golf auf der Camel Trophy verirrt. Im Sommer war ich mit Marleen auf dem Weg von der katalanischen Mittelmeerküste nach Teruel. Wir wählten die direktere gelbe Strasse, weil ich ernsthaft geglaubt hatte, die knapp hundert Kilometer beschaulicher Kurven durch Südaragon seien nicht unbedingt schneller zu bewältigen als auf der südlicher gelegenen roten Strasse, die ich kannte und als wenig unterhaltsam in Erinnerung hatte, aber die direkte Lösung sei in jedem fall ökonomischer, und warum sollten wir eine strasse, die wir schon kannten noch einmal fahren, wo doch hier eine noch nie benutzte direktere lag. Die hundert Kilometer endeten an jenem Abend schliesslich bereits nach vierzig, ich hatte zig Bergrücken in Serpentinen umfahren, vierhundert Höhenmeter rauf, dreihundert wieder runter, dabei immer schon den nächsten bewaldeten Gipfel, bis zu dem man allerdings zwanzig Minuten brauchte, im Blick. Die immerhin gelbe Strasse war, das machte das ganze Unterfangen noch weit kräftezehrender, höchst steinschlaggefährdet, und hinter beinahe jeder Kurve lauerten bierkistengrosse Felsbrocken, mitten auf der Fahrbahn und wie von Gottes Hand dorthingeworfen, um das wilde Innere Aragoniens von deutschen Golfs freizuhalten. Dazu Sturzbäche von den Hängen, einsetzende Dunkelheit und schliesslich Gewitter und eine unruhige Nacht in einem nach Mottenkugeln stinkenden Bergdorfbett.
Aber wie gesagt: die Übereinstimmung von Symbolfarbe und der angeblich zugrundeliegenden Strassenbeschaffenheit ist in diesen Ländern einfach nicht gegeben. Und so kann es denn auch sein, dass eine weisse Strasse unterster Michelin-Kategorie, in Deutschland beispielsweise die Betonplatten-Piste nach Rappin ins Innerste von Rügen, dass diese weisse Strasse in Portugal in ganz ausgezeichnetem Zustand, also zumindest besserem als der der immerhin gelben nach Teruel ist.
Diese weisse Strasse durch den Minho nach Ponte de Lima ist in gutem Zustand. Wir fahren und fahren, immer weiter in die Berge hinein, vor dem halboffenen Fenster pfeift der Fahrtwind entlang, meine Kamera liegt matt-silbrig-glänzend auf der Ablage über dem Handschuhfach, im Autoradio läuft Calexico: The Cristal Frontier. Ich drücke den Rücken durch, nehme einen Schluck Wasser und sage: Ana, there is a word written on the windscreen, I drive and watch the landscape and there is this word written above all of it, it is the word roadmovie.
Minho, Algarve, Castilia la Mancha, rote Golfs, rote Opel, vier Monate auf diesem Kontinent unterhalb der Pyrinäen. Vierzig Grad in der Senke der La Mancha, schnurgerade Strasse über zwanzig Kilometer, hinten am Horizont der Bergrücken mit der Porte de Niefla, gelb und trocken wie die Senke. Man denkt, man ist im Atlas, nichts als Fels und Staub und Leere. Lost Highway, nur ohne gelben Mittelstreifen. kein anderer Wagen. Kein Schatten. Toledo, Ciudad Reál, noch immer hundertzwanzig Kilometer bis Córdoba. Marleen legt ihre kleinen weissen Füsse auf die Ablage, sie trägt einen schwarzen Rock, mir brennt der Schweiss in den Augen, der Kunststoff im Wagen schmilzt, ich steuere mit den Knien. I’m the lizard king. I can do anything. don´t let me die in an automobile, I wanna lie on an open field … Sonnenblumen. Klatschmohn. Kochendes San Miguel in braunen Flaschen mit Schraubverschluss. Wie die Ein-Liter-Flaschen Corona in Mexiko. Mit Stotte durch den Dschungel nach Palenque. Max-Frisch-Zopilote. Salzflecke auf den Sitzen vom Schweiss. Mein Fuss klebt am Gas. Ich drücke voll durch. Die Hügelkette bewegt sich nicht. In a fast german car, I’m amazed that I survived, an airbag saved my life. Salz auf der Zunge, Salz in den Augen, ich blinzele, drücke die Lider zusammen, keine Sorge, nur kurz, nur wieder besinnen, einen Vorhang gegen das Licht, gegen Camus’ Messerklinge, die Strasse ist gerade bis zum Horizont und darüber hinaus …
Hey, you stupid fool, you wanna kill us both? Ana schlägt mich mit Wucht auf den Oberarm, dass ich hochzucke. What the … Mein Geist beschleunigt die Bilder auf Lichtgeschwindigkeit, Palenque-La Mancha-Minho und zuup, sie decken sich wieder, ich bin wieder angelangt, der Opel-Kranz auf dem Lenkrad, bleicher Himmel über grau-blauen Bergketten und eine weisse Linie nahe der Mitte der Windschutzscheibe trennt das Grau des Asphalts vom dunklen Grün des Abgrundes auf der rechten Seite. Ich reisse das Lenkrad nach links, Kamera und Kassetten fliegen durch den Wagen, das Grün schiebt sich auf dem Bild vor mir langsam nach rechts, mehr Grau, denke ich, mehr Grau, dann wälzt sich der Wagen, bäumt sich noch einmal auf, die Achse schlägt durch, Schotter und Staub fliegen auf der Rechten hoch und wir sind wieder auf der Strasse …
Sekundenschlaf am Steuer nennt man das wohl, vielleicht auch abschweifen, also bleibe ich hier, vor dem chromfarbenen Opel-Ring, neben Ana und beim Dritten Advent. Wir kurbeln die Fensterscheiben runter, frische Bergluft zieht durch den Wagen, Ana holt meine Praktika und die Kassetten aus dem Fussraum hoch und ich, einen Teppich auf der Zunge, halte Ausschau nach etwas am Strassenrand, das Kaffee verspricht. Vorne sehe ich eine Delta-Werbung über so etwas wie einer niedrigen Baracke, ein Schotterplatz voller Schlaglöcher davor, angemessen, befinde ich, für einen Roadmovie. Wim Wenders heisst mich abbremsen und den Wagen ruckend auf dem Platz vor dem Truck-Stop abstellen in einer Staubwolke. Wir stehen in dem Granitstaub und schlagen die Türen zu. Das Klappen zerbricht die Stille des Mittags. Müde Blicke liegen auf unseren Erscheinungen. Ich lege die Arme aufs Autodach und sehe hinüber zu den jungen Typen, die, mit hochgezogenen Schultern, rauchend vor dem Schuppen stehen. Fussballtrikots. Ein paar verrottete Mopeds, weggeschnippte Kippen, zerbeulte Dosen. Ana, sage ich, we found the one and only place to have a quick meia de leite and disappear again.
Drin modriges Halbdunkel, laufender Fehrnseher und eine verchromte Theke mit so etwas wie einer früheren Dorfschönheit dahinter. Wir setzen uns gar nicht erst. Irgendwann sehe ich von meinem Kaffee auf zu all den wirren Alkoholika auf den Regalen und mittendrin, zwischen einer Flasche schäbbigem Port und einem Gordon´s steht eine merkwürdige Figur. Ich habe, denke ich, so einen Typen schon mal irgendwo gesehen, aber es will mir nicht recht einfallen, wo. Dann erinnere ich mich: dieser seltsame Kerl, bärtig, mit einem karierten Hemd mit aufgekrämpelten Ärmeln, mächtige Unterarme, ein zerknautschter Hut und Stiefel, genau so einen Holzfäller hab ich mal in einem Film gesehen. Fargo, da steht er, zwei Mann hoch, an einer verschneiten Strasse, schon wieder so eine weite, gerade Strasse inmitten von Nichts, right in the middle of nowhere. Darüber ein Schild: Welcome to Fargo / Wisconsin oder sowas. Eukalyptuswälder um Viana do Castelo, die Grenze nach Spanien wie die Crystal Frontier am Rio Grande und hier, in diesem halbdunklen, muffigen Loch an einer weissen Strasse ganz oben in Portugals Norden dieser Holzfäller aus dem amerikanischen Mittleren Westen.
Ana wieder lakonisch: ooh, that’s Zé Povinho, you know, he´s the typical rural portuguese, you can find him everywhere here on the countryside.
Here on the countryside, denke ich, so sehen sie sich also, die Portugiesen, die noch nicht Neubauten mit neoklassischen Mezzaninen und in drei Jahren abzuzahlende Clios haben. Zé Povinho, die Ärmel hochgekrämpelt, den Hut aus dem verschwitzten Gesicht geschoben, Reste von chorizo oder Weissbrotkrümel im schwarzen Bart. Unten, auf dem Sockel der Figur steht ein Spruch: Queres fiado – tome. Willst du quatschen – dann trink. So sind sie hier. At the boarderline. Draussen die Jungs werfen einen flüchtigen, müden Blick zu uns herüber, als wir wieder in den Wagen steigen. Ich höre noch einen schnoddrigen Spruch und ein Lachen und schmeisse den Motor an. Schotter und Kiesel schlagen von unten gegen die Radkästen beim Losfahren. Wir machen die Heizung an, das Gebläse rauscht in meinen Ohren. Ana dreht ihre Sitzlehne zurück und redet über Mais. Früher, als Kind, habe sie mit ihren Freunden bei der Maisernte geholfen jedes Jahr. Die Blätter von den reifen gelben Schoten werden abgezogen, espigas desfolhada nennen sie sie, und dann stellen sich die Männer und Frauen gegenüber und dreschen abwechselnd das Korn von den Holzstengeln. Ein Wiegen, wie ein Tanz. Sie singen dabei.
Wir fahren immer höher, die Strasse windet sich zwischen den Hängen mit den nass-grünen Pinien. Oben vinho verde an Rebstöcken, Holzgestelle wie beim Hopfen, ein paar Eichen auf Weideflächen. Überall Granit. Geduckte Höfe hinter Steinmauern, manchmal Pferde oder ein Hund. Hinter einem der Häuser verbrennt ein Mann Zweige und Gestrüpp. Der weisse Rauch quillt in dicken Schwaden über die Baumkronen. Ich denke an Schubert, die Winterreise. Zu jedem Bild der Soundtrack. Ich fotografiere aus dem Wagen. das Knacken der brennenden Zweige und das Schlacken meines Praktika-Verschlusses, der ausgebleichte Himmel und Schuberts Streicher, alles fügt sich zusammen zu einem grossen tableau.
Castanhas steht später grün auf einem Strassenschild. Kastanienland. Die braunen Maronen werden in Porto und hier auf den Dörfen den ganzen Herbst über geröstet, in schwarz verrussten Handkarren mit einer Art Ofen und einer Röstschale darüber. Man kann sie schon von weitem riechen, die castanheiros, alte Männer mit zerfurchten Gesichtern wie Sandpapier unter Schiebermützen, süsslicher Rauch in den Strassen der Altstadt und auf der Santa Catarina.
Wir kommen immer langsamer voran, müssen immer mal wieder warten, dass eine Herde Schafe von der Strasse getrieben wird, aber irgendwann, schon im Dunkeln, tauchen unten im Tal die Lichter von Ponte de Lima auf, und dann ist es nicht mehr weit bis Barroselos. Der Lüfter im Motorraum surrt, als wir den Wagen auf dem Hof abstellen, der Auspuff knackt ein paarmal beim Abkühlen, aber wir haben es geschafft. Dies der Gedanke, der sich aus all der Müdigkeit und dem Hunger herauswindet. Anas Mutter kocht. Eine Stunde später sitzen wir im Warmen, es gibt Bacalhao na panela mit gebackenem Reis und Salat. O bacalhao quer alho, sagen die Portugiesen, der Stockfisch liebt Knoblauch, und das hat einen derben Gleichklang mit dem wort caralho. Caralho bedeutet Schwanz. You have the same kind of jokes in Germany, will Ana wissen. Ich muss passen, mir fällt nichts ein. Vielleicht rede ich aber auch zu wenig Deutsch die letzten Monate über. Den bacalhao jedenfalls immer mit viel Zwiebel, Knoblauch und Olivenöl kochen, als panela in Brotbröseln wenden und überbacken. der Arroz de forno ist Reis aus dem Ofen. Er wird in einer alguidar de barro, einer speziell geformten Terrakottaschale gebacken und ist dann sehr knusprig. Wir stürzen uns beinahe auf das Essen. Anas Vater hat extra eine Flasche 86er Single Harvest von Dow´s aus dem Keller geholt, der Portwein legt sich süss und warm über den Fisch in unserem Bauch und macht uns schläfrig.
Um zehn sitzen wir im Zug, der uns heim nach Porto bringt. Wir standen noch eine Viertelstunde frierend auf dem verlassenen, eiskalten Bahnsteig, weil der Zug Verspätung hatte. Er ist voller Soldaten, die nach dem Wochenende wieder in ihre Kasernen fahren. Olivfarbene, gerade geschnittene Uniformen mit goldenen Abzeichen auf den Revers. Sie sehen schick aus, das muss man sagen. Ich mache Ana gegenüber vielsagende Gesten, aber sie meint desinteressiert: They must have been stolen their minds, otherwise they would study or work more useful stuff.
Anderthalb Stunden später steigen wir am Sao Bento aus. Die azulejos in der Halle halb von Gerüsten verdeckt, gelbes Licht von der Strasse. Es ist warm. Wir sind wieder in der Stadt. Wir gehen durch die engen Strassen nach Hause, in meinem Kopf ist jetzt keine Musik mehr, aber meine Taschen sind voll von belichteten Filmen, Kastanien und irgendwo unten, zwischen den Nähten ist ein bischen Granitstaub aus den Bergen und ein paar Krümel Sand von der Cristal Frontier.
riding on through nostalgia, shaking memories by the mile
the city lights are closing on him
the distance groews shorter for a while
he wonders what dreams fill her heart
and wonders if what they had could ever be sparked
the roads never lead where they’re supposed to go
that’s what he tells himself before he lets it go
out on the cold grey plain, sunken on the side of the road
the words bleed off the page, the letter becomes well-soaked
no more turning backwards, he says, as he drives off in the rain
ventures on up through the colorados
and settles under the rock and pines and stakes claim
still he wonders what dreams fill her heart
and wonders if what they had could ever be sparked
the roads never lead where they’re supposed to go
they just twist ‘round and ‘round the flame
the eyes closing, the heart retains
a bit of a spark before it fades away
that’s where he gets lost and drifts off alone
and what he tells himself … better let it go
(Calexico: Drenched)