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Putas y Pintura

März 30, 2007

Reisereportage /// Madrid /// Dezember 2002

Manchmal ist es gut, dass es in Spanien so viel securidad gibt, sonst hätte ich nie den Weg zur Albergue Richard Schirrmann gefunden.

Als ich aus der Metro komme, liegt der Campo de Casa in völliger Dunkelheit am westlichen Rand der Madrider Innenstadt. Estación El Lago. Vor der Metrostation ist kein Mensch. Umgefallene oder zerbrochene Weinflaschen auf dem Trottoir von einem abendlichen Besäufnis, ansonsten eine merkwürdige Stille, orangefarbener Lichtschein über dem Zentrum und der Scherenschnitt der schwarzen Bäume des Stadtparks hinter der Station. Man glaubt gar nicht, noch in Madrid zu sein.

Ich schlage meinen Lonely Planet auf und bin das erste mal in all den Jahren unschlüssig und ein bischen enttäuscht von den Australiern. Albergue Richard Schirrmann (tel. 914635699) is in the Campo de Casa (metro: El Lago; bus No 33 from Plaza Ópera). B&B in a room of four costs 1200/1700 ptas for those under/over 26. Mehr steht dort nicht zur Richard Schirrmann. Auf dem eher skizzierten Stadtplan wirkt der Park riesig und ein Symbol für eine Herberge ist nicht eingetragen. Ich wuchte meinen blauen Berghaus-Rucksack hoch und gehe bald die eine, bald die andere Strasse ein Stück weit ins Dunkle hinein und wieder zurück zur Metrostation. Zwanzig Minuten später stehe ich immer noch zwischen den zerschmetterten Weinflaschen und den zerknüllten Fortunas-Päckchen.

Schliesslich erkenne ich oben vor einem grossen, gusseisernen Tor eine dunkle Gestalt und das kurze Aufglimmen einer Zigarette. Als ich mich dem schwarzen Profil nähere, erkenne ich die braune Uniform und die gelben Aufnäher der Prosegur. Buenos tardes sage ich und der Rucksack knartscht sehr gross und albern auf meinem Rücken. Der Wachschutzbeamte raucht, wiegt sich von einem Bein auf das andere, die freie Hand hat er in die Tasche seiner Nylonhose geschoben. Buenos. Que tal? Ich rede eher Portugiesisch als Spanisch mit ihm, iberische Sprachverwirrung, aber er ist zumindest froh, dass es nicht Englisch ist und bedeutet mir, die Strasse unterhalb El Lago langzugehen, vielleicht fünfhundert Meter, ich könne die Herberge nicht verfehlen, es gebe dort keine anderen Gebäude.

Ich kenne Madrid im Grunde genommen nicht. Zweimal war ich da, nie länger als ein oder zwei Tage, einmal hatten wir einen Stopover auf dem Flug nach Mexiko, Abendessen mit Flamenco und ein weiches Bett in einem Vier-Sterne-Hotel, alles von Iberia, unser letzter Komfort vor den vier Wochen mexikanischer Hängematten. Bei meinen Reisen durch Spanien habe ich die Metropole meist in der kastilischen Ebene liegenlassen, sie schreckte mich wohl ab wegen ihrer Grösse und erschien mir, wenn man so will, zu wenig spanisch. Hauptstädte haben ja diese eigentümliche Dialektik: in ihnen kulminiert die Kultur des Landes, alles wirkt irgendwie verdichtet, ein Extrakt, und dennoch sagen sie am wenigsten aus über das Land, die Metropole ist zunächst einmal Metropole und vielleicht ähneln sich Rom oder Paris oder Madrid untereinander mehr, als dem einzelnen Land, dessen Mitte sie sind.

Man besitzt auch viel zu viele Vorstellungen von grossen Städten und kann sich ihnen einfach nicht unbefangen nähern. Paris ist für mich Godards A bout de souffle und Sartre im Flore, Rom fällt bei mir immer mit Fellini zusammen und Madrid? Diese beiden Silben, zögerlich und abwägend die erste und schrill und scharf die zweite, Ma-drid, das ist für mich die Stadt von Almodóvar und von Javier Mariás. Corazón tan blanc, ein weisses, sehr breites Kopfkissen auf einem Ehebett oder das schwarze Notizheft mit Estébans Bleistift-Kritzeleien: Todo sobre mi madre.

Jetzt aber ist Madrid eine langgezogene, dunkle Strasse unter einem milchigem, orangeglühenden Himmel, das Hintergrundrauschen von Innenstadtverkehr und ein zu schwerer Rucksack. Ich stapfe und gedulde mich, die versprochenen fünfhundert Meter liegen längst hinter mir, und irgendwann bemerke ich es: diese Strasse ist der Strich. Mir kommen für die Uhrzeit und die Gegend ungewöhnlich viele Autos entgegen, die Lichter blenden und vorne, als lange, grazile Schemen im Scheinwerferkegel stehen sie. Filho da puta, denke ich mir, hijo da puta, und nie passte der Ausdruck besser: putas, Nutten. Jetzt bin ich also doch bei Almodóvar. Sie sind jung, vielleicht zwanzig, und sie sehen gut aus. Man hat ja doch eher die Vorstellung von abgehalfterten Schabracken, aber diese hier sind wie aus einem David Lynch Film: sehr lang, sehr schlank, und beides sehr betont. Alle Fetischnormen sind erfüllt: die Stiefel sind sehr hoch, die Röcke sehr kurz, die Haare sehr glatt und der Mund sehr rot.

Ich komme mir unglaublich grotesk vor, wie ein Wanderer oder Bergsteiger zwischen den langgewachsenen, fröstelnden Mädchen. Wenn ein Wagen hält, schnippen sie ihre Zigarette weg, die Scheibe wird runtergekurbelt, und sie lehnen sich vor, ziehen ein Bein hoch und legen den Kopf auf die Seite. Manchmal müssen sie ihren Rock anheben oder ihre Bluse noch weiter aufknöpfen. Die häufig jungen Männer in den Autos sind selten alleine, sie tragen Baseballkappen und trinken Bier und lachen. Später sehe ich Wagen am Strassenrand stehen, ich muss dicht daran vorbeigehen, weil der Weg so schmal ist, und wenn ich kurz hineinsehe, dann ist da, im Halbdunkel, ein blonder Kopf über einen Schoss gebeugt oder eine helle Hand an die beschlagene Scheibe gepresst.

Ich ziehe die Augenbrauen etwas hoch, pfeife zwischen den Zähnen durch und gefalle mir nicht: ich bin keineswegs entsetzt oder auch nur erstaunt, ich laufe durch den Campo de Casa, will ein Bett und ein frisches Laken in der Herberge und lande eben auf dem Strich. Und ich bin viel zu abgeklärt, um irgendwie berührt oder abgestossen oder teilnahmsvoll zu sein. Es ist ein Schauspiel mit zwei Gruppen und einem albernen, bepackten, wandernden Zuschauer. Aber was soll ich anderes machen? Soll ich lächeln und Fragen stellen: Wie könnt ihr das machen? oder: Was hat euch hierher gebracht? und soll ich dann ein Feature darüber machen? Oder soll ich den Rucksack absetzen, meine Jacke aufmachen und nachsehen, ob ich einen Fünfziger in der Tasche habe?

Am nächsten Morgen gehe ich den Weg zurück zur estación El Lago. Ein feuchtes graues tuch hängt tief über Kastilien, Tau bedeckt die Büsche und der Asphalt glänzt nass-schwarz. Kein einziger Wagen. Die Schemen der Nacht verflüchtigt. Aber nicht ohne Spuren zu hinterlassen, traurige Zeugen, die den Morgen schal und klamm wirken lassen. Der schlammige Weg ist übersät mit gebrauchten Kondomen, zerknüllten Taschentüchern und zerdrückten Zigarettenschachteln. Wie niedergetrampelte weisse Blüten in dem zertretenen Matsch. Der Dunst hat die Bilder der Nacht verwischt und als einziges den Ekel zurückgelassen. Wenn noch eines von den Mädchen hier stehen würde, jetzt in der Frische des neuen Tages, sie würde so blass und verloren wirken wie der verirrte Backpacker ein paar Stunden zuvor. Die Bühne ist verlassen, alle Scheinwerfer an, es muss nur noch gefegt werden.

Eine halbe Stunde später entsteige ich dem gekachelten Schlund der Metro und stehe vor dem Prado. Es ist Sonntag, die Madrilenen, gut gekleidet, flanieren auf dem Gehweg vor der Station Atocha und unter den Bäumen des Paseo del Prado. Jede zweite Frau trägt diesen Winter einen beige gemusterten vierzig Euro Burberry-Schal. Auf dem Pflaster und zwischen den Platanen kein einziges zerknülltes Stück Papier. Mein Flieger nach Köln geht in drei Stunden. Die sehr freundlichen Mädchen an der Museumsgarderobe verstauen meinen Rucksack im hinteren Teil des Raumes, ich lächle sie an und schlendere, nur meine Eintrittskarte und einen Plan in der Hand, durch die Säle, an grossformatigen Mourillos vorbei in den Raum, wo Goyas Erschiessung der Aufständischen hängt. Es ist eines von den Bildern, die jeder von Postkarten kennt oder aus Geschichtsbüchern, aber man muss es sich im Original ansehen. Bestimmt acht Quadratmeter gross, im warmen, gedimmten Licht des Prado, nimmt es eine ganze Wand ein. Das Weiss der Hemden und der aufgerissenen Augen der Exekutierten wie frische Milch, das geronnene Blut am Boden eher braun als rot, die Gewehrläufe und Bajonette der gesichtslosen französischen Soldaten bedrängen, spitz und mit ungemein bedrohlicher Dynamik die wehrlosen, entblössten Körper der Verurteilten, die, entsetzt und ergeben, die Arme hochreissen. Das wirkt schon beinahe abstrakt, wie die Keile und Kreise El Lissitzkis oder die verschränkten polymorphen Farbflächen von Kandinskys frühen Improvisationen, wäre nicht diese entsetzliche Szenerie, diese Gewalt so offenkundig und konkret.

Ein paar Säle weiter Velázquez. Ich kann den Gedanken nicht verhindern, als ich vor den Portraits Phillips IV stehe: diese Obsessionen des Habsburgers für seine Zwerge, all die Kleinwüchsigen bei den Meniñas und zwischen seinen Jagdhunden auf den Portraits, hat das irgendetwas gemein mit den Mädchen am Campo de Casa, mit den biertrinkenden Baseballkappenträgern, mit der Derbheit und dem Stumpfsinn und dem Gleichmut.

Die Königin, kaum siebzehn auf dem Portrait kurz nach der Trauung, verschachert an ihren kranken Cousin zur Festigung des Staatengleichgewichts, tu felix Austria … , siebzehn, und um ihren Mund bereits Züge von Stumpfsinn und Gleichmut und Desillusionierung, wenn sie überhaupt je Illusionen gehabt hat. Konsterniert nennt man das wohl. Inszestuöser Habsburgischer Hochadel, Höfe, Kleider, Staatsraison, ein Weltreich, in dem die Sonne nie unterging und vor dessen Ausmassen Philipp II sich geflüchtet hat hinter die dicken Mauern des Escorial. Alles das festgehalten vom Hofmaler Velázquez in Öl auf Leinwänden von sieben, acht Quadratmetern Grösse, um heute, im abgedimmten Licht, Ehrfurcht und Erhabenheit wie einen schweren Duft zu verbreiten in den unzähligen Gängen und Sälen des spanischen Nationalmuseums. Zwei Kilometer östlich vom Campo de Casa und den Toulouse-Lautrec-Mädchen, deren Profession keinen Unterschied kennt zwischen dem Zivilisationsgrad des Goldenen und unseres heutigen Zeitalters

Feliz Natál sage ich zum Abschied zu den Mädchen an der Garderobe und bemerke an ihrem Kichern, dass das schon wieder Portugiesisch war. Ich lasse noch eine Fahrt von meinem Zehner-Metro-Ticket abknipsen, frage mich, wann ich wohl die verbliebenen vier benutzen werde und fahre zum aeropuerto. Als das Fahrwerk des Airbus den Bodenkontakt verliert und sich die Maschine aufbäumt, fühle ich mich, als sei da ein Seil gerissen und ich würde weggetrieben von diesem Kontinent mit hilflos ausgestreckten Armen. Treiben, so kommt es mir vor, ich kann mich beim besten Willen nicht davon überzeugen, in diesem Augenblick selber zu handeln und aus freien Stücken nach Köln zu fliegen, wo man kein Spanisch spricht und kein Portugiesisch und ich keine drei Stunden später von Dunkelheit und Weihnachtsmarkt und Nieselregen empfangen werde.

Christal Frontier

März 30, 2007

Reisereportage /// Portugal /// Dezember 2002

Am Samstag vor dem dritten Advent fahre ich mit Ana ins Minho. Komm, sagt meine Mitbewohnerin mittags, wir treffen heute Abend ein paar alte Schulfreunde von mir, gehen feist essen und nehmen uns morgen den Wagen von meiner Mutter und fahren hoch zur spanischen Grenze.

Ana ist jetzt achtundzwanzig und arbeitet als Übersetzerin. Sie hat einige der Leute von zu Hause seit Jahren nicht gesehen und ist ein bischen gespannt, dabei aber auch desillusioniert. Du weisst ja, Olaf, wir Portugiesen heiraten so früh und bemühen uns krampfhaft, so schnell wie möglich unsere Jugend abzuschliessen und in irgendwelchen geregelten Verhältnissen zu leben. Ana selbst hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, fühlt sich dementsprechend befreit und lebt recht ungeregelt mit uns Austauschstudenten zusammen.

Nachmittags sitzen wir im Zug, so ein kleiner Bummelzug, voll mit Pendlern und alten Leuten, die zurück aufs Land fahren, nach einem Tag in der Stadt. Die Gepäckablagen sind zum Bersten vollgestopft mit Taschen und Säcken. Ana und ich finden mühsam einen Platz und packen Schinken-Croissants aus. Der Zug zuckelt den Douro hoch, waldige, hügelige Landschaft, manchmal Rebstöcke an den Hängen. Wie lange fahren wir, frage ich. Es ist kaum mehr als eine Stunde bis Barroselos, wo Anas Eltern leben.

Minho nennt man die Region im äussersten Norden Portugals, südlich des Grenzflusses, der dem ganzen Landstrich seinen Namen gegeben hat. Das Minho ist vor allem für drei Dinge bekannt: viele Berge, Kastanien und guten Weisswein. Nach Süden wird es begrenzt durch den Fluss Lima, an dessen Mündung Viana do Castelo liegt, eingebettet zwischen Berge, Fluss und Meer. In Viana ist Ana zur Schule gegangen.
Als wir dort sind, ist es stockfinster und bitter kalt. Ich muss mich bemühen, überhaupt irgendwas ausmachen zu können in der Landschaft. Keine Laterne, Hügel und Serpentinen bis zum Horizont. Weites Land. Ich merke, wie ich mich an das eng bebaute, immer erleuchtete Porto gewöhnt habe. Und an das milde, maritime Klima an der Küste.

I didn’t expect it to be that cold, sage ich zu Ana. Im Restaurant sitzen wir auf Holzbänken. Weisse, schmucklose Wände, Leuchtstoffröhren wie in einer cantina. Der Raum schreit vor Ungemütlichkeit. Dabei kommt in mir der sehr portugiesische Gedanke, dass sich Ambiente und Qualität des Essens antiproportional zueinander verhalten werden. Ein Blick hinüber zur offenen Küche bestätigt das: Eine alte Frau mit Kopftuch kocht über einem offenen Feuer. Sie kippt eimerweise geschälte Kartoffeln in grosse Aluminiumtöpfe, wirft zweigeweise Estragon und Rosmarin in Pfannen und legt immer mehr Scheite nach. Die Flammen schlagen hoch, schwarzer Russ an den Töpfen und auf der Steinwand, ein beinahe archaisches Schauspiel. Die Frau hat die Ärmel hochgekrempelt, ihre Unterarme sind kräftig und sehnig. Sie arbeitet. Das ist keine Kochstelle, denke ich, das ist ein Hochofen. Sie schmilzt in diesen Töpfen Erz zu irgendwelchen Stahllegierungen oder wird gleich anfangen, in der Glut Schwerter zu schmieden. Einen Amboss allerdings kann ich nicht erspähen. Wenn sie einen Deckel abnimmt, kommt aus den Töpfen ein verführerischer Geruch zu uns herüber. Bisweilen haben wir aber erst eine Menge Wein, Brot und schwarze Oliven auf der weissen Tischdecke stehen. Ich fotografiere beim spärlichen Licht des Feuers. 1.8er Blende, 1/60 Sekunde, ich hätte mir einen lichtempfindlicheren Film einstecken sollen. Ich lehne an der weiss getünchten Wand, der Verschluss schlackt, das schattige Gesicht der Alten, heisse Küchendämpfe, milchiges Licht. Manchmal schaut sie auf und lächelt zu mir herüber. Furchen, nein Gräben in ihrem Gesicht, und in jedem steckt das Glück eines einfachen, harten Lebens im Minho.

Was Ana mir bislang nicht erzählt hatte: Dies war ein Schlachteessen. Ein oder zwei Schweine, hinter dem Haus, vielleicht hatte der Ehemann den Bolzen angelegt heute Nachmittag. Das Fleisch muss noch warm gewesen sein, als sie es mit dem Rosmarin und dem Knoblauch zusammen in den Topf gelegt hatte. Als wir vor Hunger schon den ganzen Wein ausgetrunken haben, bringt sie uns das Essen: Terracottaschalen mit Fleisch und Reis, Leber, Innereien, Zunge, von dem Schwein wurde nichts den Hunden überlassen. Ana erklärt mir: Sarrabulho, im Blut gekochte Innereien und Filetstücke mit Reis, Tripas en farinheira, der mit Mehl gefüllte und in Stücken knusprig gebratene Darm, frische Chorizo de verde, aus der beim anschneiden noch Blut läuft, das alles mit Bergen von Bratkartoffeln, Broa de Milho und neuen, frisch entkorkten Weinen der Region.

Man sitzt und redet und trinkt, die Holzbank ist nach einer Weile unbequem und es ist so kalt, dass wir sogar unsere Jacken anbehalten. Und trotzdem: Hier ist ein Refugium, ein Bergdorf, abgeschieden gegen die kulinarische Massenkultur. Hinter dem Haus versickert das geronnene Blut des geschlachteten Schweins in der Erde, ich esse mutig alles Gedärm und Gekröse und denke an meinen Grossvater, der eben so gelebt und gegessen hatte, bis er dann Ende der Sechziger mit meinen Vater ein Haus gebaut hat mit Kühltruhe und einer Garage für den Audi, mit dem man zum Supermarkt fuhr.

Die Portugiesen, darüber spreche ich mit Anas Freunden, haben sich in den letzten Jahren weit grössere Shopping Malls auf grüne Wiesen gestellt, als mein Grossvater jemals gesehen hat. Kein Platz für Kulturpessimismus und Modernekritik in diesem Land. Auch hier, am Rand Europas und dem ärmsten Teil der Europäischen Union kein Refugium. Oder höchstens eines auf Zeit, für ein paar Stunden, während eines Schlachteessens.

Wir hatten, erzählen sie mir, seit dem Ende der Diktatur kaum mehr als zwanzig Jahre, um auf die Moderne eingestimmt zu werden. Da gibt es keinerlei Kontrollinstanzen, wir haben manchmal das Gefühl, es bricht nur so über uns herein, wir haben keinen Masstab, keinen Dämpfer. Wie in einem osteuropäischen Land, denke ich, sage es aber nicht.

Mobiltelefone mit integrierter Digitalkamera, Renault Clios mit geringem Jahreszins, jede zweite Familie, erzählte Ana mir einmal, ist verschuldet. Sie können einfach mit dem Geld nicht umgehen, der Konsumdruck in den Medien ist gross und die Banken vergeben bereitwillig Kredite und Darlehen. Und immer der Blick nach drüben, zu den wirtschaftlich boomenden Nachbarn. Nur an den alten Frauen an der Ribeira, oder in einer Dorfküche im Minho, an denen prallt sie ab, die beschleunigte Moderne. Sie wollen davon nichts wissen, denn sie haben noch ein anderes Wissen.

Salazar. Man kann sich das nicht so recht vorstellen, wenn man nicht Spanier ist oder Portugiese: 1974, immerhin mein Geburtsjahr, Deutschland wird Fussballweltmeister im eigenen Land, Willy Brandt setzt seine Ostpolitik durch, und hier: zwei alte Männer, Diktatoren genannt, aber nur im Ausland oder von der im Untergrund operierenden Opposition. Stolze, man ist fast geneigt zu sagen würdevolle Gesichter, der eine in tadellosem schwarzen Tuch, der andere in der hellen, gebürsteten Uniform mit Kragenspiegeln und Epauletten, Männer aus einer anderen Zeit, aus den 30er Jahren, in denen sie an die Macht gekommen sind, oder sie sich genommen haben, auf die eine oder andere Weise. Natürlich gibt es Farbfotos von ihnen, 1974, aber es mag nicht so recht passen, diese Gesichter, diese Anzüge und Uniformen stellt man sich nicht vor in Farbe. Man glaubt gar nicht, dass Francos Uniform beige gewesen sein könnte, mit roten oder goldenen Abzeichen, man denkt sich diese Uniform, dieses Gesicht in verschiedenen Grauabstufungen, vor grauen, steinernen Gebäuden in Madrid oder in Zaragoza oder in Lissabon. Oder in diesen anderen Portugiesisch und Spanisch sprachigen Ländern, auf der anderen Seite des Atlantiks. Pinochet in Santiago de Chile, Gabriel Garcia Marquez’ Romanfiguren in Kolumbien und Venezuela, helle Leinenanzüge und Hüte, Kolonialgebäude unter Palmen. Ich denke in Bildern, diese Zeiten sind für mich wie Geschichten, wie Romane von Isabel Allende oder José Saramago, ich sehe Jeremy Irons aus dem Geisterhaus oder Marcello Mastroiani als Pereira, aber für die Alten in den Altstadtvierteln von Porto und Sevilla und León, für die sind diese Geschichten ihr Leben und der dunkle Anzug Salazars und die Uniformen Francos und der Guardia Civil waren die stets präsenten Zeichen dieses Lebens, das heute von den Nachgeborenen so schnell wie möglich versucht wird abzuhaken. Wer weiss, vielleicht ist das sogar gut und richtig für das neue, pragmatische Portugal, die Vergangenheitsbewältigung, das Wälzen des Steins der Diktatur ist ja eine deutsche Sisyphosarbeit.

Am nächsten Morgen wache ich spät auf im grossen Bett von Anas Bruder. Kein Strassenlärm hat mich geweckt, keine vor dem Fenster vorbeifahrenden Busse, die die einfachen Scheiben in den Holzrahmen erzittern lassen. Eine ruhige Nacht auf dem Land, in Barroselos. Ana und ich frühstücken tostadas und frische Orangen aus dem Garten. Die Kaffeemaschine jagd zischend und dampfend einen meia de leite durch, der den Rest Caipirinha aus meinem Schädel treibt. Die Bilder der Nacht verfliegen, ich sehe aus dem Fenster über die grau-grünen Hügel des Minho und packe unsere Sachen in den alten Opel: 200er Diafilme, was zu trinken und unsere Jacken. Es ist ziemlich frisch draussen und über den Wiesen steht noch Nebel.

Wir fahren nach Viana und weiter an der Küste hoch zur spanischen Grenze. Ana ist froh, dass ich bereitwillig den Autoschlüssel in die Hand nahm, sie fährt nicht so gerne. Der Wagen zuppelt auf der Küstenstrasse nach Norden, ich muss kräftig am Lenkrad kurbeln weil keine Servolenkung, Ana lümmelt auf dem Beifahrersitz, dreht am Radio und isst ein paar roscas, die wir in Viana gekauft hatten. Roscas in Portugal, churros in Spanien, sie sind beide schaurig süss und bestehen aus nichts als Wasser, Mehl und Zucker. Man bekommt sie an jeder Strassenecke, meistens frisch, am Abend auch schon mal trocken und zäh.

An der Strasse nur halbe Häuser. Die alten halb verfallen und meistens unbewohnt, die neuen noch Rohbauten, einstöckig, mit Säulen neben dem Eingang und allerlei eklektizistischen Simsen und Erkern. Ansonsten Granit. Natursteinmauern und Gehöfte, niedrig und dickwandig, gebaut für Jahrhunderte. An Vegetation einzeln oder in Gruppen stehende Eichen (carvalhos), Pinien (pinheiros) und viel Eukalyptus. Wie kommen die vielen Eukalyptusbäume hierher? frage ich Ana, die gerade einen weiteren rosca verputzt. Meine Frage scheint sie zu wundern und sie erklärt, Eukalyptus wachse nun mal so schnell in die Höhe und weil ständig irgendwelche Feuer ganze Pinienwälder vernichteten, werde danach eben mit Eukalyptus wieder aufgeforstet. Australien in Südeuropa. Portugiesischer Pragmatismus.

Der Himmel will nicht recht aufklaren. Dunst über dem Minho, als wir am Grenzfluss stehen. Die Berge auf der spanischen Seite blau und wie in Aquarellfarben. Wir bekommen keine zu sehen, aber dass die Strände und Felsen dort mit dem Öl des gesunkenen Tankers Prestige verseucht sind, erfährt man jeden Tag aus den Nachrichten. Hier klares kaltes Atlantikwasser und der breite, träge Minho. Wir fragen uns, wo wohl der Fluss aufhört und der Ozean anfängt. Bei Flut drückt das Meerwasser den Minho in seine Mündung zurück, schäumende Wellenkronen zeigen die Linie an, den Kampf der Wasser. Jetzt haben wir Ebbe, keine Frontlinie, der Strom ergiesst sich in den zurückgewichenen Atlantik, es riecht nach Salz und Algen und Tang. Ana erklärt mir die zwei Sorten Algen: Eine wird in Cremes verarbeitet, weil einige ihrer Bestandteile gut sind für die Haut, eine andere sorte wird in der portugiesischen Küche verwendet als Geschmacksverstärker für Fisch. Die algas werden mit dem bacalhau zusammen ins kochende Wasser geschmissen, and when you open the pot after a while, you can smell the ocean. Dabei führt Ana die Finger zum Mund wie ein Chefkoch und macht so ein anerkennendes schmatzendes Geräusch.

Wir fahren auf der portugiesischen Seite flussaufwärts bis kurz vor Valenca do Minho und biegen dann nach Süden ab, in die Berge. Eine weisse Strasse auf meiner Michelin-Karte. Eine Michelin-Karte ist eingeteilt in drei Arten von Landstrassen, aber man muss sagen: in Spanien und Portugal erscheint einem diese Einteilung nicht ganz schlüssig. Eine rote Strasse kann vierspurig sein und ausgebaut wie die beste Europastrasse in Baden-Würtemberg. und dann biegt man ab auf eine gelbe, die nächst niedere Kategorie und auf der Karte und als Linie wirklich vertrauenserweckend, und man kommt sich vor wie mit seinem Golf auf der Camel Trophy verirrt. Im Sommer war ich mit Marleen auf dem Weg von der katalanischen Mittelmeerküste nach Teruel. Wir wählten die direktere gelbe Strasse, weil ich ernsthaft geglaubt hatte, die knapp hundert Kilometer beschaulicher Kurven durch Südaragon seien nicht unbedingt schneller zu bewältigen als auf der südlicher gelegenen roten Strasse, die ich kannte und als wenig unterhaltsam in Erinnerung hatte, aber die direkte Lösung sei in jedem fall ökonomischer, und warum sollten wir eine strasse, die wir schon kannten noch einmal fahren, wo doch hier eine noch nie benutzte direktere lag. Die hundert Kilometer endeten an jenem Abend schliesslich bereits nach vierzig, ich hatte zig Bergrücken in Serpentinen umfahren, vierhundert Höhenmeter rauf, dreihundert wieder runter, dabei immer schon den nächsten bewaldeten Gipfel, bis zu dem man allerdings zwanzig Minuten brauchte, im Blick. Die immerhin gelbe Strasse war, das machte das ganze Unterfangen noch weit kräftezehrender, höchst steinschlaggefährdet, und hinter beinahe jeder Kurve lauerten bierkistengrosse Felsbrocken, mitten auf der Fahrbahn und wie von Gottes Hand dorthingeworfen, um das wilde Innere Aragoniens von deutschen Golfs freizuhalten. Dazu Sturzbäche von den Hängen, einsetzende Dunkelheit und schliesslich Gewitter und eine unruhige Nacht in einem nach Mottenkugeln stinkenden Bergdorfbett.

Aber wie gesagt: die Übereinstimmung von Symbolfarbe und der angeblich zugrundeliegenden Strassenbeschaffenheit ist in diesen Ländern einfach nicht gegeben. Und so kann es denn auch sein, dass eine weisse Strasse unterster Michelin-Kategorie, in Deutschland beispielsweise die Betonplatten-Piste nach Rappin ins Innerste von Rügen, dass diese weisse Strasse in Portugal in ganz ausgezeichnetem Zustand, also zumindest besserem als der der immerhin gelben nach Teruel ist.

Diese weisse Strasse durch den Minho nach Ponte de Lima ist in gutem Zustand. Wir fahren und fahren, immer weiter in die Berge hinein, vor dem halboffenen Fenster pfeift der Fahrtwind entlang, meine Kamera liegt matt-silbrig-glänzend auf der Ablage über dem Handschuhfach, im Autoradio läuft Calexico: The Cristal Frontier. Ich drücke den Rücken durch, nehme einen Schluck Wasser und sage: Ana, there is a word written on the windscreen, I drive and watch the landscape and there is this word written above all of it, it is the word roadmovie.

Minho, Algarve, Castilia la Mancha, rote Golfs, rote Opel, vier Monate auf diesem Kontinent unterhalb der Pyrinäen. Vierzig Grad in der Senke der La Mancha, schnurgerade Strasse über zwanzig Kilometer, hinten am Horizont der Bergrücken mit der Porte de Niefla, gelb und trocken wie die Senke. Man denkt, man ist im Atlas, nichts als Fels und Staub und Leere. Lost Highway, nur ohne gelben Mittelstreifen. kein anderer Wagen. Kein Schatten. Toledo, Ciudad Reál, noch immer hundertzwanzig Kilometer bis Córdoba. Marleen legt ihre kleinen weissen Füsse auf die Ablage, sie trägt einen schwarzen Rock, mir brennt der Schweiss in den Augen, der Kunststoff im Wagen schmilzt, ich steuere mit den Knien. I’m the lizard king. I can do anything. don´t let me die in an automobile, I wanna lie on an open field … Sonnenblumen. Klatschmohn. Kochendes San Miguel in braunen Flaschen mit Schraubverschluss. Wie die Ein-Liter-Flaschen Corona in Mexiko. Mit Stotte durch den Dschungel nach Palenque. Max-Frisch-Zopilote. Salzflecke auf den Sitzen vom Schweiss. Mein Fuss klebt am Gas. Ich drücke voll durch. Die Hügelkette bewegt sich nicht. In a fast german car, I’m amazed that I survived, an airbag saved my life. Salz auf der Zunge, Salz in den Augen, ich blinzele, drücke die Lider zusammen, keine Sorge, nur kurz, nur wieder besinnen, einen Vorhang gegen das Licht, gegen Camus’ Messerklinge, die Strasse ist gerade bis zum Horizont und darüber hinaus …

Hey, you stupid fool, you wanna kill us both? Ana schlägt mich mit Wucht auf den Oberarm, dass ich hochzucke. What the … Mein Geist beschleunigt die Bilder auf Lichtgeschwindigkeit, Palenque-La Mancha-Minho und zuup, sie decken sich wieder, ich bin wieder angelangt, der Opel-Kranz auf dem Lenkrad, bleicher Himmel über grau-blauen Bergketten und eine weisse Linie nahe der Mitte der Windschutzscheibe trennt das Grau des Asphalts vom dunklen Grün des Abgrundes auf der rechten Seite. Ich reisse das Lenkrad nach links, Kamera und Kassetten fliegen durch den Wagen, das Grün schiebt sich auf dem Bild vor mir langsam nach rechts, mehr Grau, denke ich, mehr Grau, dann wälzt sich der Wagen, bäumt sich noch einmal auf, die Achse schlägt durch, Schotter und Staub fliegen auf der Rechten hoch und wir sind wieder auf der Strasse …

Sekundenschlaf am Steuer nennt man das wohl, vielleicht auch abschweifen, also bleibe ich hier, vor dem chromfarbenen Opel-Ring, neben Ana und beim Dritten Advent. Wir kurbeln die Fensterscheiben runter, frische Bergluft zieht durch den Wagen, Ana holt meine Praktika und die Kassetten aus dem Fussraum hoch und ich, einen Teppich auf der Zunge, halte Ausschau nach etwas am Strassenrand, das Kaffee verspricht. Vorne sehe ich eine Delta-Werbung über so etwas wie einer niedrigen Baracke, ein Schotterplatz voller Schlaglöcher davor, angemessen, befinde ich, für einen Roadmovie. Wim Wenders heisst mich abbremsen und den Wagen ruckend auf dem Platz vor dem Truck-Stop abstellen in einer Staubwolke. Wir stehen in dem Granitstaub und schlagen die Türen zu. Das Klappen zerbricht die Stille des Mittags. Müde Blicke liegen auf unseren Erscheinungen. Ich lege die Arme aufs Autodach und sehe hinüber zu den jungen Typen, die, mit hochgezogenen Schultern, rauchend vor dem Schuppen stehen. Fussballtrikots. Ein paar verrottete Mopeds, weggeschnippte Kippen, zerbeulte Dosen. Ana, sage ich, we found the one and only place to have a quick meia de leite and disappear again.

Drin modriges Halbdunkel, laufender Fehrnseher und eine verchromte Theke mit so etwas wie einer früheren Dorfschönheit dahinter. Wir setzen uns gar nicht erst. Irgendwann sehe ich von meinem Kaffee auf zu all den wirren Alkoholika auf den Regalen und mittendrin, zwischen einer Flasche schäbbigem Port und einem Gordon´s steht eine merkwürdige Figur. Ich habe, denke ich, so einen Typen schon mal irgendwo gesehen, aber es will mir nicht recht einfallen, wo. Dann erinnere ich mich: dieser seltsame Kerl, bärtig, mit einem karierten Hemd mit aufgekrämpelten Ärmeln, mächtige Unterarme, ein zerknautschter Hut und Stiefel, genau so einen Holzfäller hab ich mal in einem Film gesehen. Fargo, da steht er, zwei Mann hoch, an einer verschneiten Strasse, schon wieder so eine weite, gerade Strasse inmitten von Nichts, right in the middle of nowhere. Darüber ein Schild: Welcome to Fargo / Wisconsin oder sowas. Eukalyptuswälder um Viana do Castelo, die Grenze nach Spanien wie die Crystal Frontier am Rio Grande und hier, in diesem halbdunklen, muffigen Loch an einer weissen Strasse ganz oben in Portugals Norden dieser Holzfäller aus dem amerikanischen Mittleren Westen.
Ana wieder lakonisch: ooh, that’s Zé Povinho, you know, he´s the typical rural portuguese, you can find him everywhere here on the countryside.
Here on the countryside, denke ich, so sehen sie sich also, die Portugiesen, die noch nicht Neubauten mit neoklassischen Mezzaninen und in drei Jahren abzuzahlende Clios haben. Zé Povinho, die Ärmel hochgekrämpelt, den Hut aus dem verschwitzten Gesicht geschoben, Reste von chorizo oder Weissbrotkrümel im schwarzen Bart. Unten, auf dem Sockel der Figur steht ein Spruch: Queres fiado – tome. Willst du quatschen – dann trink. So sind sie hier. At the boarderline. Draussen die Jungs werfen einen flüchtigen, müden Blick zu uns herüber, als wir wieder in den Wagen steigen. Ich höre noch einen schnoddrigen Spruch und ein Lachen und schmeisse den Motor an. Schotter und Kiesel schlagen von unten gegen die Radkästen beim Losfahren. Wir machen die Heizung an, das Gebläse rauscht in meinen Ohren. Ana dreht ihre Sitzlehne zurück und redet über Mais. Früher, als Kind, habe sie mit ihren Freunden bei der Maisernte geholfen jedes Jahr. Die Blätter von den reifen gelben Schoten werden abgezogen, espigas desfolhada nennen sie sie, und dann stellen sich die Männer und Frauen gegenüber und dreschen abwechselnd das Korn von den Holzstengeln. Ein Wiegen, wie ein Tanz. Sie singen dabei.

Wir fahren immer höher, die Strasse windet sich zwischen den Hängen mit den nass-grünen Pinien. Oben vinho verde an Rebstöcken, Holzgestelle wie beim Hopfen, ein paar Eichen auf Weideflächen. Überall Granit. Geduckte Höfe hinter Steinmauern, manchmal Pferde oder ein Hund. Hinter einem der Häuser verbrennt ein Mann Zweige und Gestrüpp. Der weisse Rauch quillt in dicken Schwaden über die Baumkronen. Ich denke an Schubert, die Winterreise. Zu jedem Bild der Soundtrack. Ich fotografiere aus dem Wagen. das Knacken der brennenden Zweige und das Schlacken meines Praktika-Verschlusses, der ausgebleichte Himmel und Schuberts Streicher, alles fügt sich zusammen zu einem grossen tableau.

Castanhas steht später grün auf einem Strassenschild. Kastanienland. Die braunen Maronen werden in Porto und hier auf den Dörfen den ganzen Herbst über geröstet, in schwarz verrussten Handkarren mit einer Art Ofen und einer Röstschale darüber. Man kann sie schon von weitem riechen, die castanheiros, alte Männer mit zerfurchten Gesichtern wie Sandpapier unter Schiebermützen, süsslicher Rauch in den Strassen der Altstadt und auf der Santa Catarina.

Wir kommen immer langsamer voran, müssen immer mal wieder warten, dass eine Herde Schafe von der Strasse getrieben wird, aber irgendwann, schon im Dunkeln, tauchen unten im Tal die Lichter von Ponte de Lima auf, und dann ist es nicht mehr weit bis Barroselos. Der Lüfter im Motorraum surrt, als wir den Wagen auf dem Hof abstellen, der Auspuff knackt ein paarmal beim Abkühlen, aber wir haben es geschafft. Dies der Gedanke, der sich aus all der Müdigkeit und dem Hunger herauswindet. Anas Mutter kocht. Eine Stunde später sitzen wir im Warmen, es gibt Bacalhao na panela mit gebackenem Reis und Salat. O bacalhao quer alho, sagen die Portugiesen, der Stockfisch liebt Knoblauch, und das hat einen derben Gleichklang mit dem wort caralho. Caralho bedeutet Schwanz. You have the same kind of jokes in Germany, will Ana wissen. Ich muss passen, mir fällt nichts ein. Vielleicht rede ich aber auch zu wenig Deutsch die letzten Monate über. Den bacalhao jedenfalls immer mit viel Zwiebel, Knoblauch und Olivenöl kochen, als panela in Brotbröseln wenden und überbacken. der Arroz de forno ist Reis aus dem Ofen. Er wird in einer alguidar de barro, einer speziell geformten Terrakottaschale gebacken und ist dann sehr knusprig. Wir stürzen uns beinahe auf das Essen. Anas Vater hat extra eine Flasche 86er Single Harvest von Dow´s aus dem Keller geholt, der Portwein legt sich süss und warm über den Fisch in unserem Bauch und macht uns schläfrig.

Um zehn sitzen wir im Zug, der uns heim nach Porto bringt. Wir standen noch eine Viertelstunde frierend auf dem verlassenen, eiskalten Bahnsteig, weil der Zug Verspätung hatte. Er ist voller Soldaten, die nach dem Wochenende wieder in ihre Kasernen fahren. Olivfarbene, gerade geschnittene Uniformen mit goldenen Abzeichen auf den Revers. Sie sehen schick aus, das muss man sagen. Ich mache Ana gegenüber vielsagende Gesten, aber sie meint desinteressiert: They must have been stolen their minds, otherwise they would study or work more useful stuff.

Anderthalb Stunden später steigen wir am Sao Bento aus. Die azulejos in der Halle halb von Gerüsten verdeckt, gelbes Licht von der Strasse. Es ist warm. Wir sind wieder in der Stadt. Wir gehen durch die engen Strassen nach Hause, in meinem Kopf ist jetzt keine Musik mehr, aber meine Taschen sind voll von belichteten Filmen, Kastanien und irgendwo unten, zwischen den Nähten ist ein bischen Granitstaub aus den Bergen und ein paar Krümel Sand von der Cristal Frontier.

riding on through nostalgia, shaking memories by the mile
the city lights are closing on him
the distance groews shorter for a while

he wonders what dreams fill her heart
and wonders if what they had could ever be sparked
the roads never lead where they’re supposed to go
that’s what he tells himself before he lets it go

out on the cold grey plain, sunken on the side of the road
the words bleed off the page, the letter becomes well-soaked
no more turning backwards, he says, as he drives off in the rain
ventures on up through the colorados
and settles under the rock and pines and stakes claim

still he wonders what dreams fill her heart
and wonders if what they had could ever be sparked
the roads never lead where they’re supposed to go

they just twist ‘round and ‘round the flame
the eyes closing, the heart retains
a bit of a spark before it fades away
that’s where he gets lost and drifts off alone
and what he tells himself … better let it go

(Calexico: Drenched)

Verão São Martinho

März 30, 2007

Reisereportage /// Portugal /// Dezember 2002

Die Praia de Foz ist bei mir offenbar immer mit Kopfschmerzen verbunden. Am Morgen, ich sitze auf dem hinteren Balkon und trinke Wasser, kommt Ana. Hoje esta verão são martinho. Ich sehe sie nur fragend an. Verão são martinho, you don’t know the word? Ich mache nur ein dummes Gesicht. Sie erklärt mir dieses phenomeno meteorologico: Porto liegt jedes Jahr um die Dezember-Monatswende unter einem Hochdruckeinfluss, Azoren-Hoch, das bringt strahlenden Sonnenschein und Temperaturen über zwanzig Grad. Ana legt den Kopf auf die Seite. Great, isn’t it? Ich blinzele zu ihr hoch, kein Ausdruck in meinem Gesicht. Where have you guys been last night? You look like suffering, you should take a walk to the sea. Ich drehe meinen zu schweren Kopf auf dem zu schwachen Hals nach rechts, wo das Meer ist. Möwen in der Luft. Die Ratten der Meere. Wie lange dauert denn so ein Sankt Martins Sommer, frage ich sie. Och, sagt Ana, das kann ein paar Tage so gehen oder auch zwei Wochen. Ich rechne. Zwei Wochen. Das wäre bis Mitte Dezember. Der verão são martinho beginnt, mir zu gefallen. Ich nehme meine Jacke über die Schulter und packe die Schlüssel in die rechte Tasche. Ciao bella, brummel ich in die Küche, I think I will take a walk to Foz.

Man kann von unserer Wohnung zu Fuss zur Fussmündung laufen. Die Strasse geht, langgestreckt mit einigem Gefälle zum Douro runter und führt dann am nördlichen Ufer entlang zum Meer, wo die Angler auf der Mohle sitzen und die Wellen auf die Steine laufen. Ich nehme den 24er Bus. Die Sonne sticht mir ohnehin schon genug in den Augen.

Bevor ich, denke ich, zwanzig Minuten im schaukelnden Bus durch die Siedlung hinter dem Museu Serralves fahre, muss ich unbedingt etwas frühstücken. Wegzehrung. Die beste Wegzehrung gibt es in der Paderia Ribeira. Das weiss ich, seit Marie sie mir gezeigt hat, im Oktober, als ich schon einen Monat keine zwei Querststrassen davon entfehrnt gewohnt hatte. Die Bäckerei fällt kaum auf von aussen und warum sie Ribeira heisst wie das Altstadtviertel unten am Fluss, frage ich mich bei jedem Einkauf. Der Laden liegt, unter einer kleinen, dunkelgrünen Markise mit goldenen Lettern, gegenüber der Praça de Teixeira Gomes. Nebenan ist eine charcuteria, wo es ganz ausgezeichnete frangos gibt, würzig marinierte Grillhänchen mit dunklem Brot. Für Hühnchen ist es noch zu früh, befinde ich, und gehe in die paderia. Der Laden ist wie immer brechend voll mit schnatternden Hausfrauen und Verkäuferinnen in grünen Blusen und vom Mehl weissen Schürzen. Man bekommt einen Kassenzettel und bezahlt bei einem Mann mit einer alten Registrierkasse am Ausgang. Davor, draussen auf dem Gehweg, steht immer ein Bettler, dem man manchmal etwas von seinem Wechselgeld gibt. Die Paderia Ribeira ist ein wunderbar portugiesischer Laden, aber unten am Fluss kommt man noch mehr ins Staunen: In den feuchten Gassen der Altstadt öffnet sich unversehens eine Tür unter einem selbstgemalten Schild und dahinter, im Halbdunkel, verbirgt sich ein Geschäft ausschliesslich für Besen, oder eine Art Schuster, der aber nicht Schuhe, sondern Regenschirme repariert. Reparaçoes da guarda chuva. Hinter der Igreja des Clérigos gibt es einen Laden, einen kleinen Familienbetrieb, wo Kerzen hergestellt und verkauft werden, in allen erdenklichen Grössen und Längen, ungefärbt oder mit Marien-Allegorien. Der Vater, bestimmt achtzig, zieht die Kerzen hinten in der Werkstatt und dann werden sie am Docht unter die Decke gehängt wie Schinken. Der ganze Laden riecht nach altem Holz und Wachs und wer weiss, vielleicht riechen die beiden Männer auch wie Wachs, nach all den Jahren und Jahrzehnten zwischen den Kerzen.

Ich schlendere mit meinen Schinken-Käse-Teigtaschen die zwei steilen calles zur Praça Libertade hinunter, am Hotel Infante de Sagres vorbei. In der Stadt ist an diesem Wochenende OSZE Treffen. Keine Regierungschefs zwar, aber immerhin: Man sieht ständig dunkle Limosinen mit einem Van voller Bodyguards und Polizei Motorrad Geleitschutz durch die engen Strassen rauschen. Allerlei neue Audi A8, gerade mal einen Monat alt, vielleicht product placement. Man wohnt im Ipanema Park Hotel oder dem Infante de Sagres. Internationalismus. Als ich am Hoteleingang und dem dunkerot bemantelten Poitier vorbeigehe, stehen da gerade einige in gutes Tuch gekleidete Kongressteilnehmer. Sie haben Namensschilder mit kleinen Flaggen, die jedem sofort die Nationalität deutlich machen. I only speak very little German, sagt ein bärtiger Norweger gerade mild blickend zu einer Deutschen, die ihr Konversationslächeln zur goldenen Kette trägt. Ich ziehe die Augenbrauen hoch, meine Croissants baumeln an meinem rechten Bein, die Dame schaut etwas abschätzig an mir herunter. Kann man mich als Landsmann idendifizieren? Gross und dunkelblond, mit der dunkelgrünen Lederjacke meines – immerhin tschechischen – Grossvaters?
Unten an der praça kommt der 24er, ich stecke meine Fahrkarte in den blau in der Sonne leuchtenden Automaten, ein Tacken, ein Stempel, achter Dezember, elf Uhr vierzig. Dann sinke ich auf einen der zu kleinen Kunststoff-Schalensitzen und der Bus ruckt an und rumpelt weiter durch die calles zum Castello Queijo.

Bleicher Strand vor der Promenade der Avenida do Brazil, die vom Salz verkrusteten Bohlen, gelbe Stühle vor der grossen, spiegelnden Glasfront der Bar. Gegenlicht, das die Farben grell und die Schatten tiefschwarz erscheinen lässt. Schlack. Eine tausendstel bei achter Blende. Ich schaue, ob ein Platz auf den Liegestühlen frei wird. Die roten Delta-Kaffee-Fahnen knattern im Seewind. Noch ein Bild davon, gegen den Himmel. Drüben erheben sich zwei von ihren Liegesesseln, ich gehe hin. Die Tassen stehen noch auf dem kleinen runden Beistelltisch. Ein leerer Glasaschenbecher, Portugueses Suaves, sinnlos bei dem Wind, die Asche wird davongetragen über die Avenida do Brazil.

Ich bestelle eine Coke mit Zitrone und mache die Augen zu. Donner vom Meer. Manchmal ein Mädchenlachen. Der junge Kellner kommt mit meiner Cola und will gleich abkassieren. Immerhin 1.75, man bezahlt den Blick und die Geräuschkulisse mit. Unten an der Algarve, in einem kleinen Nest im Nichts haben die beiden Finnen und ich in einer Arbeiterkneipe 60 Cent bezahlt fürs Bier. Die Bayern verloren gerade gegen Mailand und die alten Typen tranken Cognac. Kleine Schwenker, die immer wieder nachgefüllt wurden, schwarzer Tabak, Dreck unter den Fingernägeln. Der versoffene Kneipier wischte immerzu mit einem schmierigen Lappen auf der Theke herum. Was die Typen dort arbeiten, konnten wir uns nicht ausmalen. Es gab dort nichts als Berge mit Hartlaubgewächsen, einen wilden Atlantik und Himmel. Surferparadis. In Foz jetzt auch ein paar Hartgesottene. Longboards, schwarze Wetsuits, wie Reptilien. Zwei-Meter-Wellen über die ganze Breite des Strandes. Die zerklüfteten Felsen zwischen der Gischt glänzen so schwarz wie die Coke neben mir auf dem Holztisch. Das schlanke Glas schwitzt. Ein merkwürdiges Zusammenspiel: weisses Meer mit schwarzen Felsen, weisse, glänzende Eiswürfel in schwarzer Cola.

Sonnenanbeter zu meiner Rechten, Sonnenanbeter zur Linken. Sie schreiben auf ihren Mobiltelefonen und Organizern oder sie schauen oder machen nichts. Ich denke: Hoffentlich haben diese Cabelos de Foz auch immer interessante Gedanken, die sie ihren Cabelos de Foz-Freunden schicken können. Cabelos de Foz ist ein Begriff von meinem verrückten schwedischen Freund Isak. Ich weiss nicht, ob er ihn erfunden hat oder ob er ihn von seiner verrückten kleinen Portugiesin hat. Ich traue es beiden zu. Die verrückte kleine Portugiesin heisst Liliana, sie weiss, dass sie gut aussieht und ist eine echte Rassistin. Isak stellte sie mal auf die Probe, als ich mit dabei war: Tell us, Liliana, sagte er, what should we do with all the black people from Africa. Sie wurde ganz munter, kippte ihren Wein runter und sagte: Oh, don´t you talk with me about the niggers, I don´t care about the niggers but they should not come to my country. Why don´t they stay in their Africa. They don´t belong here, what do they want from us Portuguese? Und dann sagte sie noch: Olaf, you are from Germany, you should know what I mean, you have the same opinion. Ein verrücktes kleines Ding, Liliana. Sie ist übrigens an der Uni.

Jedenfalls: Cabelos de Foz, so heisst der Look, der hier im Viertel sehr angesagt ist. Man muss sich das vorstellen wie den Matthieu aus dem ersten La Boum Film, braune Föhnfrisur, eben die Haare von Foz, dazu Hemd mit Pollunder, alles versucht lässig. Braune Segelboot-Lederschuhe. Man sieht den Foz-Look natürlich vor allem hier, an der Avenida do Brazil und den Strandbars, aber auch in den Clubs in Boavista, im Triplex oder dem Labyrinto oder im Maushabitos, gegenüber dem Capitol. Maushabitos bedeutet schlechte Gewohnheiten, dabei hält der Name gar nicht, was er verspricht. Das Maushabitos ist eher eine Lounge als ein Club, fünfter Stock, eine Stahltür, eine Klingel, dann wird man reingelassen von einem kleinen, sehr femininen Schwulen, der dort den ganzen Abend über rumhängt, rauchend und mit abgespreiztem Finger. Drin Ledercouches und niedrige Hocker, viel Gin-Tonic und hinten ein paar leere weisse Räume für Kunstausstellungen und Jazzkonzerte. Allerlei offenliegende Röhren und Leitungen unter der Decke und diese typischen grossen Fabrikfenster mit weiss lackierten Metallstegen.

Alles, was irgendwie deutsch ist oder klingt, ist sehr angesagt in der portugiesischen Clubszene. Jazzanova und Rainer Trübi, Compost Label, Fauna Flash, man kommt ins Staunen. Es gibt da ein portugiesisches Mädchen, die nennt sich DJ Iris und einmal bekam ich sogar einen Flyer, der ein paar Jungs ankündigte, die nannten sich müsli collectivo. Dazu viel achziger Revival, Mädchen, die aussehen wie Nena und Typen mit Vokuhila und weissen, engen Jackets mit Ramones-Stickern. Wenn der legendäre DJ Kitten einmal im Monat auflegt, sexually raw Elektro und Rock, dann weisst du, irgendwann in dieser Nacht wird er Motörhead spielen, The Ace of Spades, und danach Salt ’n’ Pepa oder Technotronic.

In meinem Schädel hämmert an diesem Nachmittag sexually raw headache, also trinke ich den letzten Schluck Cola und gehe auf dem hölzernen Steg zur Douro Mündung. An der Promenade entlang ziehen sich die gelben, langgestreckten Gebäude der alten Seebadbebauung. Abblätternde Farbe, verspielter Neoklassizismus, vor den Fenstern schwere Läden gegen die Gischt und das Salz. An der Praia de Molhe geht ein steinerner Pier ins Meer hinaus, wie eine trutzige Burg. Die Flut schlägt gegen die Wand, manchmal spritzt die Gischt über das Geländer, der Stein ist grün und voller Tang und schlüpfrig. Wenn man vorne an der Kante steht und nach Westen über das Meer blickt, dann kommt da fünftausend Kilometer weit nichts mehr. Nur Ozean, bis Neufundland. Dazwischen, irgendwo auf halber Strecke ein paar Sprenkel Azoren, ansonsten stürmischer Atlantik. Und man begreift die Portugiesen. Hinter ihnen liegt der ganze Kontinent, alle Kulturen und Geschichten Europas, erst Spanien, die Pyrinäen, dann Frankreich, Mitteleuropa, Asien. Portugal liegt am westlichsten Rand, bedrängt, wird fast ins Wasser geschubst, kein Wunder, dass sie ihr Glück auf dem Ozean suchten und auf dem neuen Kontinent. Die Strassen in Foz tragen alle Namen von südamerikanischen Städten: Montevideu, Buenos Aires, Caracas. Der Hafen von Belém findet sich, gespiegelt, an der brasilianischen Ostküste wieder. Manchmal scheint der Atlantik weniger trennend als die Berge an der Grenze zu Spanien.

Castelo de Foz. An der Mündung des Douro, wo die Männer an der warmen Mauer des Kastells Karten spielen und Dame, liegt viel Strandgut im Sand vor dem felsigen, zerklüfteten Wall. Die Flut drückt in die Flussmündung, kräuselnde Wellenkämme wie ein Frontverlauf. Alte Männer angeln am Flussufer. Die dünnen Gabeln der Angeln stecken zwischen den Steinen des Kais, angespülte, zerrissene Netze hängen zwischen den Felsen, Seetang und Plastikflaschen, manchmal ein einzelner Turnschuh, erstaunlich weiss, gebleicht von Monaten oder Jahren im Salzwasser. Die Männer tun nichts. Einer befestigt einen Köder, manche reden, manche schweigen. Es ist bald fünf und immerhin Dezember, die Sonne geht langsam unter. Gelbe Lichtbälle der Strassenbeleuchtung am Passeio Allegré.

Ich nehme den 78er zurück in die Stadt, weil er genau vor unserem Haus in der Alberto Aires Gouveia hält. Ich höre ihn alle zehn Minuten unter meinem Fenster die Kopfsteinpflasterstrasse entlangrumpeln, die Scheiben zittern dann in den einfachen Holzrahmen, und wenn der Busfahrer die Tür öffnet, an der Haltestelle, kündigt eine blechern klingende elektronische Frauenstimme die Nummer an, septenta e oito, weil es so viele Blinde gibt in Porto. Vielleicht schlechte Medikamente in den Fünfzigern, ich konnte es nicht rausbekommen, aber vor unserem Haus, bei den Schuhputzern an der Praça Libertade oder auf der Santa Catarina, überall trifft man blinde Menschen. Manche von ihnen haben einen Job gefunden als Losverkäufer. Da stehen sie dann, eine schwarze Sonnenbrille vor den Augen und einen Stapel bunter Lose in der Hand und rufen und versprechen einem Erfolg und Glück im Leben. Und vielleicht macht sie das selber ein bischen glücklich.

Leça da Palmeira

März 30, 2007

Reisereportage /// Portugal /// September 2002

Der 71er Bus biegt kurz hinter der Stadtgrenze von der Schnellstrasse ab und fährt, in einem grossen Bogen, durch Matosinhos, hält bestimmt noch fünf oder sechs mal und muss dann noch einmal ganz um den Frachthafen von Leixoes herum fahren, an rostigen Containerschiffen und gelb lackierten Kränen vorbei zum Strand von Leça.

Man fährt schneller mit der Linie 44 von der Rotunda de Boavista, aber Matosinhos mit seinen kleinen Läden und Bars, den Drahtstühlen auf den schattigen Gehwegen und den Blumenrabatten zwischen den Fahrstreifen, das alles wollte ich ihr zeigen und nahm die zwanzig Minuten mehr in Kauf, obwohl es schon später Nachmittag war und schon nicht mehr sonnig.

An der Haltestelle Praya de Leça steigen wir aus, übermütig fast nach der langen Fahrt, ausserdem muss man immer darauf gefasst sein, dass der Busfahrer die Station einfach auslässt, wenn man sich nicht frühzeitig bemerkbar macht. Als wir draussen sind, im Seewind, der Salz und feinen Sand in die Augen und Haare treibt, schauen wir über die Promenade und das Volleyballfeld hinweg zu der unruhigen Linie der auslaufenden Wellen. Gischt und Brandung, dazwischen immer wieder auftauchend die schwarzen, zerrissenen Felsen, aufkommende Abendflut. Der Atlantik drückt hier auf den Strand und an der Kaimauer der Hafeneinfahrt, die, gut hundert Meter links von uns, ein ganzes Stück weit ins Meer reicht, brechen sich die Wellen mit Wucht und einem lauten, berstenden Donner.

Wir lassen noch ein paar Autos vorbeifahren und gehen dann über die Strasse und die Treppe hinunter zum Strand. Eine einzelne Plastiktüte im Wind, das Volleyballnetz flattert, der Sand ist noch ganz warm von der Sonne des Nachmittags. Wir ziehen die Schuhe aus und krempeln unsere Hosen hoch. Schwere Schritte, die Füsse sinken ein in den warmen Sand, man stapft und rudert mit den Armen, und hinter einem rieseln die Löcher vom Rand her schon wieder zu. Wir lachen. Nach Norden zu, hinter Strandwachttürmen und Fahnenmasten liegen die piscina und Alvaro Sizas Casa de Cha, aber bis dahin ist es noch ein ganzes Stück.
1958, Sizas erstes Haus, einen besseren Platz hätte der damals noch unbekannte Architekt nicht finden können. Es liegt, sehr weiss und geduckt, auf einer schmalen Landzunge, eigentlich nur ein Felsen, von Wellen und Möwen auf drei Seiten umschlossen. Ausnahmsweise Doppelverglasung auf der Seeseite, gegen Sturm und Salz und Lärm. Das breite Fensterband lässt sich versenken, dann ist der Raum verwandelt in einen Balkon, eine grosse Freilichtbühne mit dunkel gebeiztem Holz und braunen Ledersesseln. Das Teehaus ist heute so etwas wie eine Legende unter Architekturstudenten. Zusammen mit dem wenige hundert Meter entfehrnt liegenden Strandbad bildet es den Kern des Erfolges des heute zur internationalen Elite gehörenden portugiesischen Architekten. Siza ist in Leca geboren, entsprechend viel hat er gebaut in seiner Heimatstadt und in Porto. Im Moment arbeitet er mit Frank O´Gehry zusammen an einem neuen Trakt für die von ihm entworfenen Architektur-Fakultät der Universität.

Ich war im September das erste mal oben am Casa de Cha. Die Sonne stand hoch und brannte auf das Busdach des 71ers. Nicolas, ein französischer Architekturstudent aus Marseille hatte seine Sonnenbrille auf, wir sassen uns gegenüber auf den orange-farbenen Sitzen im hinteren Busteil und ich hoffte, wir würden bald da sein, bei dem Haus mit dem seltsamen Namen, das Nicolas mir hatte zeigen wollen. C’est très simple mais avec une énorme esprit, hatte er gesagt und deshalb sassen wir jetzt in diesem heissen, überfüllten Bus und steckten im Feierabendverkehr fest. Später dann, nachdem wir erst beim Strandbad gewesen waren, lümmelten wir auf den braunen Loungesesseln vor einem cerveja und sahen uns den Sonnenuntergang an, der durch die Panoramascheibe aussah wie ein Südsee-Werbeclip auf einem riesigen 16 x 9 Fernseher.
Wir redeten über das glatte, dunkle Holz und die Ruhe, die die rechten Winkel und die ebenen, weissen Flächen hervorrufen und ich ärgerte mich, meine Praktika nicht mitgenommen zu haben. Das nicht gemachte Foto: Nicolas, dunkel und unrasiert vor dem rot-glühenden Sonnenuntergang, Lichtreflexe auf den Gläsern seiner Ray-Ban und den Bierflaschen. Man sollte in Porto niemals weggehen ohne seine Kamera einzustecken.

Jetzt also Ende Oktober, meine Freundin und ich ohne Sonnenbrille, die Brandung, ohne Surfer, ist sich selbst genug und die piscina über Winter geschlossen. Das Schwimmbecken ohne Wasser, wie eine blau ausgestrichene Baugrube. Die niedrigen Mauern liegen zwischen den grossen Felsen und grenzen, kaum auffällig, Gänge, Kabinen und Aufenthaltsräume zum Strand und zur Strasse hin ab. Nicolas, ich kann mir nicht helfen, es erinnert mich an Atlantikwall-Bunker, ein deutscher Architekturstil der Vierziger. Aber ich war zu voreilig gewesen mit meinem Urteil. Sizas Strandbad braucht seine Zeit, auch wenn man seine einfache Bauweise mit einem Blick erfassen kann. Die Kraft und die so geniale wie einfache Lösung des Gebäudes erschliessen sich erst beim zweiten Hinsehen.

Das Mauerwerk, hatte Nicolas mir erklärt, besteht aus einem sehr groben, sehr körnigen Zement, dem der zerstossene Fels der Küste beigemengt ist. Dadurch entsteht diese erstaunliche Wirkung der Einbettung des ebenen Gebäudes in die zerklüfteten Felsen. Siza respektiert die vorgegebene, rauhe Architektur der Küstenmorphologie.

Du musst dir vorstellen, sage ich zu Marleen, als wir vor der verschlossenen piscina stehen, dort drüben, an der Promenade, wo jetzt die üblichen misslungenen Hochhäuser stehen, war damals nichts, nur Dünen. Hinter dem Hafen war Schluss mit Leca, Siza baute sein Strandbad mitten in die Natur. Wir blicken über die Uferstrasse nach Norden, eine Linie von Apartmenthäusern, sechs oder acht Stockwerke hoch, mit kleinen Geschäften und Eisdielen zur Promenade hin. Geparkte Autos, Fahnenmasten, ein Kiosk. Ganz oben, den Horizont begrenzend, die kleine Landzunge mit dem Casa de Cha.

Trotz der Promenade, man kann gut baden gehen in Leca de Palmeira. Die Busfahrt von Porto kostet einen Euro und das Wasser ist trotz gegenteiliger Behauptungen der Portugiesen klar und sauber. Im September hatte es vielleicht 21, 22 Grad, es ist immerhin der Atlantik, der hier gegen die Küste brandet. Surfergebiet. Wer eine unbewegte, warme Badewanne haben will, muss an die südliche Algarve fahren, oder ans Mittelmeer. Einmal war ich mit den Franzosen in Ofir, ein Stück weit nördlich von Porto. Man fährt eine halbe Stunde auf der Schnellstrasse und ist dann mitten in hohen Dünen. Einsame Buchten mit breitem Strand, ab und an eine Mole, ansonsten nur Sand, Gräser und Möwen. Abends Sonnenuntergang über dem Meer.

Als Marleen und ich am Casa de Cha sind, ist es fast dunkel. Ich mache im Restlicht noch ein paar Aufnahmen vom Leuchtturm und der Aussentreppe des Hauses, dann gehen wir hinein. Drinnen ist es warm und sehr still. Indirektes Licht, das Zusammenspiel vom dunklen Braun des Holzes und dem Weiss des Mauerwerks, in der Eingangshalle ein grosses Aquarium. Wir sind etwas durchgefroren vom Seewind und bestellen Tee. Auf dem 16 x 9 Fehrnseher heute drohend wolkenverhangener Abendhimmel. Der Tee ist gut, man bezahlt natürlich den Blick mit, was ihn dann in etwa soviel kosten lässt, wie in einem Café in Deutschland. Ohne Meeresblick.

Wir kommen wieder auf Siza zu sprechen: Für die portugiesischen Architekturstudenten ist er sowas wie ein Gott, negative Kritik wird aufgefasst als Blasphemie. Meine ausländischen Freunde an der Fakultät haben daher so ihre Sorgen. Siza und der ebenfalls sehr angesehene Eduardo Souto Moura haben in Porto so etwas wie eine Schule, alle Entwürfe, die man zu sehen bekommt von den Studenten, sehen aus wie Gebäude der beiden Meister, weiss und plan und von stiller Kraft. Mein schwedischer Mitbewohner Anders stiess mit seinen unkonventionellen, organischen Formen auf taube Ohren. Sowas machen wir hier nicht, mit sowas können sie hier nicht kommen, meinten seine Professoren. Dabei weisen Sizas Gebäude bisweilen unleugbare Mängel auf. Die Sichtbetonfassade der Architekturfakultät hat nach nur zwei Jahren feuchtem Küstenklimas schon Wassernasen, unter den Balkonen bildet sich Schimmel und Pilz. Porto ist einfach zu nass für Sizas saubere, helle Gebäude.

Uns ist nach dem Tee ganz warm und wohlig, aus versteckten Lautsprechern kommt leise Bossa Nova, draussen vor der Doppelverglasung walten die Elemente, unhörbar und mittlerweile auch im Dunkeln. Wir bekommen langsam Hunger und beschliessen, in der Stadt ein paar Frangos aufzutreiben, Hähnchen vom Grill mit einer scharfen Sauce, die man mit Broa de Milho isst, einem sehr dunklen, frischen Maisbrot. An der Bushaltestelle kommt passenderweise der 44er als erstes, wir steigen ein und lassen Leça und Matosinhos rechts neben uns liegen, der Abendflut und dem kühlen Seewind überlassen.