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Offshore /// Kapitel 01 /// Prolog

März 30, 2007

Es kommt mir vor, als wäre ich an den Ort eines Verbrechens zurückgekehrt. Man ist darauf geeicht so zu denken und selbstverständlich waren keine da, aber mein Auge suchte die verdorrte Böschung ab nach den mit Kreide gezogenen Umrissen von zwei menschlichen Körpern. Sehr nah beieinander, wenngleich nicht angeschmiegt. Mag auch sein, es hätte nur einen einzigen Abdruck gegeben, der die beiden Körper abzeichnete, Milena rechts, ich links daneben, beide breit ausgestreckt mit nichts als Blau in unseren Augen und vielleicht einem dünnen Kondensstreifen, der die monochrome Fläche mittig zerschneidet. Um viel mehr als dieses Blau war es – zumindest mir – in dem Augenblick nicht gegangen, und wie Milena darüber dachte, darüber Aussagen treffen zu wollen, wäre irrsinnig.
„Hier hat die Geschichte also begonnen?“
„Wenn man das so sagen kann: die Geschichte begonnen. Vielleicht hat sie schon früher begonnen, im Juli in Malmö oder danach, als ich bei dir in Barcelona aufgeschlagen bin. Eigentlich steckte ich hier schon mitten drin.“
„Und hast es nicht einmal bemerkt. Naja, hast wohl recht, das sind auch gar nicht die Fragen, die du dir stellen musst. Wenigstens sind wir da. Und es ist heute genau ein Jahr.“
„Ein Jahr. Der erste August. Kann man sich ganz gut merken, erster August. Ein dankbares Datum. Und absoluter Hochsommer. Auch wenn’s heute viel kühler ist als letztes Jahr. Überhaupt, es kommt mir schon anders vor, lässt sich überhaupt nicht vergleichen. Ich glaub, es war noch weiter da vorn, ist aber auch im Grunde unmöglich wiederzufinden, die Strasse sieht über Kilometer gleich aus, keinerlei feste Anhaltspunkte, und ich hab ja auch nicht drauf geachtet in dem Moment…“

Was wohl verständlich ist. Kein Anflug von Zweifel in Antonios Miene. Er kramt sein letztes mitgebrachtes Knautschpäckchen Fortunas aus der Tasche, zündet sich – mit Windschutz – eine an und schleudert das Streichholz ungeachtet der Trockenheit ins gelbe Gras. Unser jämmerlich nichtssagender Mietwagen bleibt mit offen stehenden Türen hinter uns zurück, das Lüftergeräusch verebbt, keine Befürchtungen, ihn unverschlossen im Sperrgebiet stehen zu lassen. Antonio tritt etwas missmutig Kieselsteine.
„Was war da zwischen euch? Tu no la has querido, no?“
„Nein, geliebt habe ich sie wohl nicht. Oder vielleicht ganz kurz, als ich noch nicht drauf geachtet hab. Ich habe eher uns geliebt. Wir sahen gut zusammen aus, hier draussen.“
„Und? Sag mal: Wie fühlt sich das jetzt an? Wehmut? Melancholie? Bauchschmerzen? Hast uns lange genug hierhergefahren, ein Wunder, dass die Stossfänger nicht verreckt sind.“
„Tja, wie fühlt man sich da? Soll ich dir was sagen: Ich fühl eigentlich gar nichts. Nada. Sierra infinita. Das ist gar nicht meine Geschichte, auch wenn ich die Bilder vor mir hab, noch ziemlich genau vor mir hab. Es ist, als ob ich mir selber dabei zugesehen hätte, so von oben herab, und nicht derjenige war, der mit ihr geschlafen hat und ihr über Kilometer durch die Steppe gefolgt ist.“
„Wenn man’s reduziert, dann bleibt eben bloss Steppe. Hier eine Betonstrasse, da eine Böschung und bis zum Horizont Steppe. Ganz schön austauschbar.“

Mag sein es ist gerade das: austauschbar. Eine Landschaft wie eine Kulisse. Unbeteiligt, schlicht, so dass das Auge auf das Drama davor gerichtet werden kann. Was danach bleibt: Pappmaché und stumpfes Parkett. When the music’s over turn off the light. Der feuchte Wind streift durch Gras und Jackenstoff, ich schlage den Kragen hoch und die Augen zu, versuche, die Bilder noch einmal hervorzurufen, das Rot ihrer Schuhe, die feinen Härchen in ihrem Nacken, die erbarmungslose Sonne, bemühe mich, mich meiner Gefühle zu vergewissern, der damaligen und der jetzigen, die Zeit heilt alle Wunder, schon nach wenigen Jahren, dass nichts bleibt als ein paar Stunden, da wo Wunder waren, auf viel mehr Einsicht stosse ich nicht, vielleicht noch dieses: Ich vermisse das Gefühl vermeintlicher Unschuld, das ich besass, bevor ich sie traf. Und ich geniesse den Mut zur Offenheit, den ich durch sie gewonnen habe. Das ist doch schon mal was, auch wenn ich mich nicht getraue gegenzurechnen, aus Angst vor dem Ergebnis aber auch, weil diese Rechnung nicht aufgehen würde. Man darf nicht durch Null dividieren.

Die Wolkenfronten ziehen sich über dem Nordgrat zu, drücken auf das zusammengekauerte Land. Antonio knüllt seine Fortunas-Packung zusammen, sie leuchtet rot-weiss zwischen dem Ginster, ein spärliches Indiz für unsere Anwesenheit, wenn der Regen unsere Fussabdrücke längst weggespült haben wird.

„Komm Clemens, wir haben es zu Ende geführt. Es gibt hier nichts mehr zu finden, lass uns heimfahren.“
Ich schlurfe ihm hinterher zum Wagen und frage nicht: Wo soll das sein?