Archiv für 'Roman Kapitel #2'Kategorie

Offshore /// Kapitel 02 /// Barceloneta

März 30, 2007

How long will I run for? And who am I running from?
[The Verve: A New Decade]

One morning he awoke in a green hotel. With a strange creature groaning beside him. Sweat oozed from its shiny skin. Is everybody in? The ceremony is about to begin…

An der betonverputzten Hauswand gegenüber von meinem Fenster kriecht eine dunkle Eidechse hoch. Sie beobachtet mit schwarzen, weit geöffneten Augen die Oberflächen der Wände und Wäscheleinen und Kabelleitungen und setzt, wenn sie sich sicher vor Gefahren wähnt, ihre Füsse mit den weit abgespreizten Zehen vor, immer abwechselnd ein Vorder- und ein Hinterbein. Sie ist sehr langsam und sorgfältig, aber wir wissen beide, nur die geringste Regung von mir im hell erleuchteten engen Zimmer würde ihre Reaktionen und Bewegungen zur unmittelbaren Flucht in eine der Nischen der aufgebrochenen Fassade beschleunigen. Eine Patt-Situation. Ich bewege mich kein Stück. Nur die Asche meiner bald abgebrannten Zigarette fällt auf meine Hosenbeine. Wie bei einem Räucherstäbchen.

Schliesslich werde ich unseres Spiels überdrüssig. Ich spanne meinen Mittelfinger und schnippe den verbrannten Filterstummel durch das offenstehende Fenster. Er prallt funkenschlagend dicht neben der Eidechse vom Beton ab und taumelt, noch ein wenig glimmend, wie ein verglühter Sputnik in die schwarze Tiefe des Innenhofes. Der Salamander schreckt hoch, verliert beinahe den Halt und verschwindet mit einem Zucken in einer Mauerspalte. Ich schlage die Asche von meiner Hose und lasse die erschöpfte Hand mit nach oben gekehrter Innenfläche auf dem hellen, nach Insektenspray riechenden Bettlaken liegen. Sie wirkt ungeheuer schmutzig auf dem zu Falten aufgeworfenen Weiss. Ein Bild wie von Zurbarán. Über mir schlagen die Ventilatorblätter wie Lappen im Wind.

Do not step behind this line. Für einen kurzen Moment denke ich daran, eine Aufnahme durch die runde, zentimeterdicke Scheibe zu machen, gleissende Sonne auf der silbrig glänzenden Tragfläche, Turbinen und Steuerbord-Positionsleuchte vor Blau. Aber ich weiss von meinem Grossvater, dass Wolfgang Tilmans diesen Ausschnitt in der Londoner Tate Gallery hängen hat und unterlasse es, meinen Sitznachbarn um Entschuldigung zu bitten, um an meine Kamera im Stauraum über uns zu gelangen. Dichte Wolkendecke über Südfrankreich. Dass wir über Aix-en-Provence fliegen, lässt sich nur der Bildschirmgrafik entnehmen. Zehntausendvierhundert Meter über Grund. Kaum vorstellbar, dass unter den Altostratus Leben möglich ist, und vielleicht ist es das auch nicht. Südfrankreich schläft einen betäubten Schlaf unter dieser schweren Decke. Die Inversionswetterlage hält den Schmutz der unteren Atmosphärenschichten bei denen, die ihn verursachen. Un phenomeno metorologico. Wo der Abgasstrahl der Airbus-Turbinen sich auflöst und ablagert frage ich nicht. Luftfahrtzeitalter-Sedimente. Der Gedanke gefällt mir: Irgendwo hier oben nahe der Tropopause oder auf den abtauenden Gletschern der französischen Alpen liegen noch Partikel der Lockerbie-Pan Am, der Landshut und der Lauda-Air. Wie Jahresringe, ein nur für wenige Geomorphologen und Meteorologen zu lesendes Buch der Zivilisationsgeschichte dieses innovativen und maroden Jahrhunderts.

Der junge Typ neben mir, zum Gang hin, ist gerade ein oder zwei Jahre älter als ich, würde aber auch als dreissig durchgehen. Er ist so eine Art Speditionskaufmann aus Düsseldorf, muss wegen irgendeiner liegen-gebliebenen Ladung nach Spanien.
„Und du, was machst du unten in Barcelona?“ fragt er.
„Nichts.“ antworte ich.
„Hört sich gut an.“
Begleitet von diesem verschwörerisch dümmlichen Grinsen, das solche Burschen gerne aufsetzen, wenn es gilt, einen Kumpel aufzutun. War bestimmt zwei Jahre verpflichtet gewesen vor seiner Lehre, Leutnant der Reserve, gutes Geld, Ausbildungsförderung. Ich hatt’ einen Kameraden.
Ich erwidere nichts mehr und blicke auf das eingeschweisste Stück Instant-Spanien, das seit dem Stuttgarder Luftraum vor mir auf dem Klapptisch liegt: so etwas wie eine Tortilla española. Eine Reminiszenz für welche, die es nicht besser wissen. Der Düsseldorfer will sich noch zu mir herüberbeugen und etwas sagen, aber in dem Moment steht die Stewardess neben uns im Gang und will die Tabletts einsammeln.

„Wir setzen in Kürze zum Landeanflug an, wenn sie bitte ihre Sicherheitsgurte schliessen würden,“ bittet sie uns persönlich, bevor die Kontrollampen über uns angehen und dieselbe Durchsage noch einmal aus dem Bordlautsprecher kommt. Ich denke einen Augenblick lang über die Make-up-Codes bei der Iberia nach, als vor meinem Fenster unter uns die letzten Cirrus ausfransen und ein glattes, türkisfarbenes Mittelmeer freigeben.

Die Einflugschneise zum aeropuerto im Süden der Stadt liegt so, dass der Airbus in niedriger Höhe über der See an der Stadt vorbeifliegt. Blick auf Sagrada Familia, Montjüic und die Barceloneta. Durch die Lautsprecher streicht Bachs Air. Das macht den Augenblick ein wenig erhaben, sicherlich dient es auch dem Abbau von Flugangst. Drüben ein braungebrannter Herr im weit aufgeknöpften Hemd schwitzt und ringt nach Atem. Die gold umreifte Hand seiner Frau auf seinem stark behaartem Unterarm. Dennoch: ich hätte mir eher Rodrigos Concerto de Aranjurez gewünscht oder etwas von Villa-Lobos. Sanftes Aufsetzen auf der flimmernden Betonpiste. Das Streicherensemble schliesst die Suite mit einer Coda.
Als ich im Terminal mein Gepäck vom Band nehme, erinnere ich mich an das Einchecken in Tegel einige Stunden zuvor. Ob meinem Filmmaterial durch das Röntgen nichts passiere, fragte ich die Sicherheitsbeamten an der Schleuse zum Boarding-Bereich. Nein, nein, versicherten sie mir, die Anlage sei harmlos für Filme bis 1000 ASA. Aha, dachte ich, ihr Pappnasen, ist mir schon klar, dass die Benidorm-Urlauber nur 100er einstecken für ihre Pocket-Kameras, bat noch einmal um meine staubige Kameratasche und nahm die 3200er aus dem Einschubfach. Ich steckte die Dosen in die Hosentaschen und schritt durch die Schleuse, ohne dass der Detektor ansprang.

Ascenseur à l’échaffeaut. Ich höre nicht mehr, wenn mein Minidisc-Spieler mit einem leisen Knarzen durchlädt. Miles Davis improvisiert, mein Blick liegt reglos auf den weiss getünchten Kabelleitungen über dem Waschbecken. Das übliche miese Hostalzimmerstilleben: ein stumpfer Spiegel, ein kalkiges Glas, unter dem Becken ein verrottendes Abflussrohr. Zumindest keine Kakerlaken. Bis jetzt. Man solle sich nicht scheuen, die verdammten cucarachas einfach mit einem Knacken zu zertreten, hatte mein Grossvater gesagt, es mache weniger Sauerei, als man vielleicht denkt. Ich lege keinen Wert darauf, seine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Bei Générique ist der Akku vom MD-Spieler runter. Recharge. Durch das offenstehende Fenster kommt schwüle Hitze und Catalán. Manchmal gurgelndes Schwedisch. Da waren, erinnere ich mich, zwei blonde, langgewachsene Mädchen an der Rezeption, als der smarte Typ mir die Schlüssel in die Hand drückte. Beinah so blond, beinah so langgewachsen wie Milena. Diezicuatro. Der Schlüssel mit dem abgegriffenen Holzanhänger steckt von innen im Türschloss. Die Schwedinnen müssen irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite vom Innenhof ihr Zimmer haben. Vielleicht duschen sie vorn im Gang. Ich denke selbst Nichtigkeiten durch. Woher kommt meine Ruhe?

Die Geschwindigkeit meiner Gedanken und Bewegungen ist auf ein absolutes Minimum gedrosselt, seit meiner Ankunft in Barcelona habe ich die Landeklappen nicht mehr eingefahren. Ich bilde einen immens grossen Luftwiderstand. Das Hemd, das ich über die Leuchtstoffröhre am Waschbecken gehängt habe, dimmt das Licht in meinem Zimmerloch auf ein erträgliches Rostbraun herunter. Die Ventilatorenblätter schlagen schlammige Luft gegen meine Brust, diese Passivität meines dem Ventilatorwind hingestreckten Körpers ist mir Tätigkeit genug. Es gilt nichts zu tun. Ich schlage den Ton an für das, was kommen soll. Ich bin angekommen. Zumindest. I am the Lizard King. I can do everything…