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Offshore /// Kapitel 03 /// Malmö

März 30, 2007

Unconcerned. But not indifferent.
[Inschrift auf dem Grabstein von Man Ray,
Cimetière Montparnasse, Paris]

Von meinem Grossvater habe ich drei Dinge gelernt: Er brachte mir alles über Revolte bei, alles über Spanien und alles über Fotografie.
Über meinen Grossvater lässt sich sagen, dass er ein Leben lang gut gekleidet war. Er selber hätte wohl noch das Wort tadellos verwendet. Er sah aus wie ein Italiener. Es heisst doch, die italienischen Männer würden sich mühelos und mit traumwandlerischer Lässigkeit gut anzuziehen. Ein einfarbiger Anzug, ein blütenweisses Hemd und handvernähte Lederschuhe, mehr braucht es dazu gar nicht. Mein Grossvater war kein Italiener, er kam aus der Tschechoslowakei, aus der Nähe von Pilsen.
Manchmal kommt es mir so vor, als könnte ich mehr von meinem Grossvater berichten als von mir selber, und das hat nicht einmal etwas mit den sechzig Jahren zu tun, die er mehr gelebt hat.
Wenn ich ihn jetzt vor mir sehe, neben seinem Haus unter den Bäumen und dem offenen Himmel, dann trägt er einen hellen Anzug, ein offenes Hemd und honigfarbene Budapester. Er hatte in seinem Leben zwei Paar Budapester, ein Paar schwarze, als er noch bei der Bahn war, und ein Paar braune, später, als er die blaue Uniform mit den polierten Knöpfen gegen seine erdfarbenen Anzüge getauscht hatte. Beide Paare hatte er in Budapest handfertigen lassen, das erste, als er 1947 über die Ukraine und Ungarn in die DDR kam, das zweite Ende der 70er, als er pensioniert wurde und von seinem angesparten Geld noch einmal, zum letzten Mal, runterfuhr. Von seinem Äusseren her war mein Grossvater geradezu aristokratisch, und ausser mir schien niemand zu bemerken, dass sein Stilbewusstsein und seine vornehme Haltung mit seiner harschen, gegen die Gesellschaft gerichteten Gesinnung sehr gut zusammengehen konnte. Sein Tod, ich möchte beinahe sagen: sein Abgang, entsprach beidem, und dennoch habe ich das Gefühl, er sei zum Ende hin nicht mehr dem Bild gefolgt, welches er selber für sich entworfen hatte, Jahrzehnte zuvor, ein Bild, das in sich ungemein stimmig wirkte und das vielleicht auch durch die Jahre keines mehr war, sondern wirklich so etwas wie die Person und der Charakter Jirzi Krecek.

Vor dem staubigen Zugfenster liegen die Sonnenblumenfelder von der Augustsonne niedergedrückt unter einem blankgeputzten Himmel. Die brüchigen, vertrockneten Blüten lehnen aneinander und verschmieren zu einer Lache gelb, wenn der Triebwagen den Zug auf offener Strecke auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt. Erster August siebenundneunzig.

„Ihr habt mir beigebracht, wie man die Welt klassifiziert, wie die Welt funktioniert, die Welt der Gesetze und des Wissens, und jetzt weiss ich nicht mehr, warum ich all das lernen musste…
Ich begreife viel mehr, wenn ich diese wogenden Hügel anschaue.“

„Das ist von Camus und der ist Franzose, merk dir das gut, mein Junge, so was wirst du nie zu lesen kriegen auf deiner grossartigen Oberschule“, hatte mir mein Grossvater erzählt in dem Sommer, als die Ungarn den Zaun durchgeschnitten hatten und schon beinahe alles gelaufen war. Er wusste das, und meine Mutter, die unbedingt wollte, dass ich auf die Oberschule käme, hätte das auch wissen können, aber sie sah ihren Vater grimmig an und meinte, hör auf, dem Jungen deine Fisematenten einzuimpfen, die machen ihm da bloss Schwierigkeiten.
Fisimatenten, so nannte sie das meistens, was mein Grossvater und ich beredeten und was sie nicht begriff, nicht begreifen wollte. Fisimatenten oder Tinneff, und überhaupt sei das alles für Katteschnuf. Ich benutze ihre Wörter nie, obwohl ich sie von ihr gerne höre, sie werden ausser in unserer Gegend von keinem verstanden.

Auf den wogenden Hügeln stehen kühl und schattig die Kiefernwälder, ich versuche mir den Duft von Zapfen und Nadeln vorzustellen, aber das Fenster lässt sich oben nur einen Spalt weit ankippen und lässt nichts von der mecklenburgischen Luft ins rauchverhangene Abteil hineinströmen. Ich wäre gern mit dem Wagen gefahren. Ich stelle mir vor: Hydraulik-Federung, fünfter Gang, achtzig, neunzig zwischen den Allee-Eichen, meine Hand aus dem heruntergekurbelten Seitenfenster gestreckt gegen den Fahrtwind. Wie eine Tragfläche. Wie ein Surfbrett. Die entgegenkommenden Fahrzeuge geben Lichthupe, weil die Männer am Lenkrad denken, ich würde ihnen zuwinken. Haare im Gesicht, Kippen, die vom Wind aus dem Aschenbecher in den Fussraum geweht werden, zerdrückte Dosen, die Rückbank voller Bücher und Filmdosen. Barfuss auf dem Gaspedal. Der Himmel wölbt sich blau über der glatten Motorhaube.
Der Zug nach Rostock hat zwei Abteile: vorn das gelb markierte ist für Fahrgäste, die einen Platz reserviert haben, eine Sache, die mir nie in den Sinn käme, und das nicht einmal deshalb, weil ich mich nicht im Voraus auf eine Reise festlegen möchte. Über dem gelben Abteil prangt ein Schild „Economy“ und dieses Wort lässt mich an Flugzeug denken und an Wirtschaftlichkeit, Kosten-Nutzen, Profit, dieses ganze Hinterhergerenne und Abwägen, eine Sinnstiftung des Lebens, das an etwas ausgerichtet ist, wofür mir noch nicht einmal ein Begriff einfällt. Vielleicht ist da gar nichts. Ein hohles, golden angestrichenes Kalb.
Ich sitze im „Traveller“. Ich bin Traveller. Mein Unterwegssein bewahrt mich ein paar Stunden lang vor dem Ort, dem ich nicht näher kommen will. Schonzeit. Es erwarten mich: die Butterblumen und Doldenblütler zwischen den stillgelegten Gleisen und Container-Kränen am Fährhafen. Die Platten von Lichtenhagen, die stumm die S1 nach Warnemünde vorbeiziehen lassen und Unschuld beteuern. Neue, dunkelblaue Schilder an den aufgebrochenen Bahnsteigen zwischen hohen Gräsern und verrosteten Masten. Sie tragen die Namen von den Strassen der Siedlungen und Aussenbezirke. Stadtrand. Brachflächen mit Feldblumen und Busch. Ich begreife viel mehr, wenn ich diese wogenden Hügel anschaue. Der Seehafen liegt im Osten der Stadt hinter den überwucherten Gleisanlagen stillgelegter Güterbahnhöfe. Fähren nach Helsingborg und Tallin und Helsinki. Und nach Trelleborg. Ich weiss nicht, wann ich am Hafen sein werde und ob als nächstes die Tom Sawyer oder die Huckleberry Finn auslaufen wird und mich zur schwedischen Südküste zurückbringt. Sie sind sowieso baugleich, ich muss nur darauf achten, heute nachmittag gleich auf der Backbordseite aufs Sonnendeck zu treten. Die blauen Liegestühle sind schnell weg. Dann bleiben einem nur noch die weiss lackierten grossen Kisten, in denen die Rettungswesten verstaut sind. Überall Schiffsstahl mit dicken Farbnasen. Korrisionsschutz. Die Davits und Taljen glänzen von Industrieöl.
Die Ostsee ist eine Wanne. Keine Gezeiten, kein Abfluss, man darf sowas gar nicht Meer nennen. Der Ostsee. Was hier verklappt wird, bleibt. Auf der kaum von Strömung und Wind aufgewühlten Wasseroberfläche liegen ölige Schlierenteppiche. Links, entlang der Horizontlinie, ein blasser Streifen Dänemark. Die Länder, die an dieses Gewässer angrenzen, ihre zerfransten Küsten in das brackige grüne Wasser legen sind wie die Ostsee. Keine Stürme, keine Strömungen. Wohltemperierte Abgestandenheit. Allein, es fällt leichter, schwedische oder dänische Städte von Verpackungsmüll und Graffiti freizuhalten als einen Trawler daran zu hindern, sein Altöl vor der Hafeneinfahrt abzulassen.
Die Fähren von TT und Scandlines fahren Schildkrötenrennen nach Trelleborg. Irgendwo drüben, weiter östlich, liegt die Estonia mit offener Bugklappe und korridiert auf dem Boden der Wanne.

The killer awoke before dawn.
He put his boots on.
He took a mask from the ancient gallery.
And he walked on down the hall…

Wait for me and I’ll be there.
With a gun and a pack of cigarettes.

Diese Sache mit Malmö fing mit einem Mädchen an…

Die Junisonne kriecht langsam die gelben Platanenreihen der August-Bebel-Strasse rauf, drängt eng angeschmiegt um die mit parkenden Autos verstellte Häuserecke in die morgenfeuchte Arndtstrasse und schiebt das gleissend helle Geviert über das Parkett, immer näher meinem Gesicht zu. Meinem verschlossenen Gesicht, eingezwängt in ihre Armbeuge. Meinem eingezwängten Gesicht, hinter dessen geschlossenen Augen Traumfilme laufen und nicht aufgelöst werden, weil einen kurzen Moment zu früh der Fensterbalken die Sonne nicht mehr abhält, das Licht voll auf mein Gesicht schlägt und die Bilder verwischt. I awake.
Der Tag beginnt mit Fragen. Und mit Befangenheit. Ich will beides nicht: die Sonne in meinem halb erwachten Gesicht und das zur Hälfte zugedeckte Mädchen im Schatten. Mein Chef will mit mir über Malmö reden. Ich bin schon zu spät. Ein Murmeln aus dem Schatten, spät dran, sage ich, bleib ruhig liegen, ziehe mir die Hose, die zerknüllt auf dem Chesterfield liegt, im Sitzen auf der Bettkante an und lege leise die Hand an die Türklinke.
Draussen schlägt mir die Stumpfheit und Betriebsamkeit der Stadt entgegen. Keine Frage, die Leute sind nicht weniger Verlierer als ich, aber was bekommt man dafür. Rat in a cage. Die frische Morgenluft schiebt sich zwischen die Knöpfe meines Diensthemdes. Meine tauben Füsse stolpern die breiten Gehwegplatten entlang. Dass meine Stadt vor dem Krieg eine Metropole war, weiss man aus Erzählungen und wenn man diese Gehwegplatten betrachtet. Die massiven Steinquader, sauber eingefasst von einer Borte aus Pflastersteinen, lassen selbst die von Schlagschatten verdeckten Querstrassen der Südvorstadt wie Boulevards erscheinen.
Mein XM steht steinschlaggefährdet unter einem aufgegebenen Gründerzeithaus. Metallic-Lack vor stumpfem Grau. Ich muss eine Katze verscheuchen, die gerade im Begriff ist, sich auf der sonnigen, aufgeheizten Motorhaube zu räkeln. Manchmal denke ich alles in Stilleben. Drin MC Solaar für den Morgenverkehr auf dem Ring.
Ich stelle den Citroën auf dem Firmenparkplatz ab. Brasig hat seinen weissen Dienstwagen mit den drei roten Punkten auf der Seite wieder quer zur Einfahrt hingestellt, holt wohl nur ein paar Unterlagen oder ein Funkgerät aus der Zentrale und macht dann wieder los, eine Schliessanlage überprüfen oder einem Fehlalarm nachgehen. Ich warte kurz auf den Summer, drücke die Tür auf und gehe auf direktem Weg ins Büro von meinem Chef. Ein Geruch von Butterbroten hängt in der verbrauchten Luft.
„Aah, der Herr Krecek, gut, dass sie da sind, ach so, wir wollten ja was besprechen, na denn“, sagt er mehr zu sich als zu mir, legt einen Ordner zur Seite und streckt mir seine fleischige Hand entgegen.
„Herr Krecek“, er klingt jetzt direkt verschwörerisch, „sie wissen ja, ich halte grosse Stücke auf sie. Sie scheuen keinen Dienst, sagen nie ab und scheinen, wenn ich mir ihren Dienstplan von diesem Monat anschaue, gar keinen Schlaf mehr zu benötigen. Junge, Junge, haben sie überhaupt noch ein Privatleben?“
„Naja, ich schlaf’ so meine vier, fünf Stunden am Morgen“, wiegelte ich ab, aber er ist schon weiter.
„Sagen sie mal, sie sind doch ein junger Bursche, und sie arbeiten jetzt schon bald drei Jahre bei uns, da will man doch mal weiterkommen, sie wollen doch nicht ihr Leben lang nachts in einem Büro sitzen und lesen?“
Im Grunde ist es genau das, was ich vorhabe, will ich sagen, schweige mich aber aus und lasse ihn seinen Plan weiterspinnen. Er lehnt sich jetzt vor und legt seinen massiven Rumpf halb auf dem Schreibtisch ab.
„Und dann die Sache mit dem Geld, sie haben doch jetzt diesen grossen Wagen. Naja… Es ist bei uns so: wir haben da im Moment wirklich Sorgen mit unseren Geldtransportern, da sind einfach zu wenige qualifizierte Mitarbeiter. Ich hab dreissig Frühpensionäre, die ich jeden Monat auf unsere bewachten Objekte verteilen muss, aber die Männer auf den Geldtransportern, Mensch, die müssen einfach zu viele Schichten fahren, da brauchen wir noch jemanden.“
„Geldtransporter“, sage ich matt. „Hmm“.
„Also, wenn sie wollen, da fängt in zwei Wochen in Malmö bei unserem Hauptsitz ein Seminar an, das muss man erst mal machen, wegen Waffen und richtigem Verhalten und solchen Sachen, ich würde sie da eintragen, ist doch auch sowas wie Urlaub, nicht?“
„Malmö“, sage ich, „in Schweden. Ich war noch nie in Schweden.“ Hinter ihm im Fenster spannt sich ein milchiger Himmel über das Gewerbegebiet, ich stelle mir vor, es wäre ein schwedischer Himmel und der Hof unten wäre mit Volvos zugeparkt. Mir ist alles gleich. Ich überlege kurz, ob ich die drei Bände Ortega y Gasset auch auf dem Beifahrersitz eines gepanzerten Transporters lesen könnte, befinde, dass das auch keinen Unterschied macht und erkläre:
„In Ordnung.“
Sie wollten mir die Überfahrt mit dem XM nicht bezahlen, das hätte sich schlecht abrechnen lassen bei der Buchhaltung, stattdessen drückte mir Frau Hansel einen braunen Umschlag in die Hand mit ein paar Zugfahrkarten Zweiter Klasse, einer Hotelreservierung und einem Seminarplan.
„Das wird aber eine schöne Zeit für dich, Clemens, zwei Wochen, und dann bei dem Sommerwetter. Du musst uns mal eine Karte schreiben, ja?“
Die meinten es wirklich ernst mit mir. Ich war der Aufsteiger der Firma. Ich schob den Umschlag in die Jackentasche und sagte:
„Das mach ich, Frau Hansel, wenn nichts kommt, hat mich ein Elch aufgefressen.“
Ich weiss gar nicht, gibt es Elche ganz im Süden? Auf meinen Busfahrten von Trelleborg nach Malmö habe ich in der ersten Woche keinen zu Gesicht bekommen. Flache Weiden, Windkraftwerke, nicht mal Wald. Ausgedehnte Parkanlagen mitten in der rot backsteinernen Stadt. Kein Stück Abfall auf den Wegen, höchstens mal ein Splitter abgeblätterter gelber Borke von den Platanen. Drei rote Punkte auf Messing an den Eingangstüren der Bürogebäude angeschlagen. Jeder zweite Wagen ein Volvo. Es ist wirklich so. Ich spulte mein Seminarprogramm ab. Dann der Anruf meiner aufgelösten Mutter, er hat sich erschossen…

Unter einem leergefegten weiten Himmel stehen die Alten schwarz gekleidet und vereinzelt um die farbigen Gebinde, Abstand wahrend zu dem, gegenüber dem sie Furcht empfinden oder Scham, doch ich weiss da noch von nichts. Weggefährten nennt man diese alten Haudegen, die meinen Grossvater dreissig, vierzig Jahre lang kannten, aber diese Heran-gehensweise erschliesst nicht die Verhältnisse zwischen ihnen. Es lässt sich von den grauen Herren nicht sagen, in welcher Beziehung sie zu ihm standen, und ich bin in den meisten Fällen geneigt, sie der Gegenseite zuzurechnen, auch wenn diese Einteilung heute nicht mehr gültig ist.
Ich werfe einen schmalen, zusammengefalteten Zettel auf den gebeizten Sargdeckel, kehre ihnen den Rücken und versuche mich in einer Übung in Erhabenheit. Ich habe ihm noch etwas von Yeats mitgeben wollen, er liebte ihn sehr, und wer weiss, vielleicht hat er gerade so etwas gedacht in dem Augenblick.

Kreisend und immer weiter kreisend
Hört der Falke den Falkner nicht mehr.
Dinge zerfallen; die Mitte hält sie nicht
Und Anarchie ist losgelassen auf die Welt
Eine Enthüllung steht bevor.

Mein Grossvater liebte Yeats und García Lorca, er konnte von Pessoa erzählen, als hätte er jeden zweiten Abend mit ihm gesoffen in den Cafés in Lissabon, dabei war er in Moskau gewesen in jenen düsteren Jahren und hatte Jossip Mandelstam noch getroffen und Bulgakow, bevor er vor den Säuberungen noch einmal nach Osten fliehen musste, immer weiter, bis an den Ural.
Die Geschichte meines Grossvaters ist die Geschichte des ganzen Jahrhunderts, eingeschrieben in die tiefen Furchen seines Gesichts. Wenn ich das sage, fällt mir jedesmal die zweifache Bedeutung des Wortes auf: Geschichte. Ich hörte seinen Geschichten zu, und es waren Erzählungen, Begebenheiten, die dieser Mann erfunden zu haben schien um mich staunen zu machen und lernen. Erzählungen, der Phantasie einer Sheherazade des zwanzigsten Jahrhunderts entsprungen. Erzählungen, die das Jahrhundert waren, verdichtet in diesem einen schroffen, verwitterten alten Mann.
Zum Ende hin liebte mein Grossvater nur noch seine Weimaraner und vielleicht mich. Was ich nie so recht verstanden habe. In mir liegt nicht einmal ein Ansatz einer Geschichte verborgen, und er konnte nicht ernsthaft erwarten, dass sich daran je etwas ändern würde. Schliesslich war er der Grund für meine Geschichtslosigkeit.
Die Geschichte meines Grossvaters ist die Geschichte einer Revolte, und die Lehre, die ich daraus zog, war die Lehre des Entziehens, der Anteilslosigkeit. Wofür mein Grossvater sein ganzes Leben gebraucht hat, war die Einsicht, dass die Überzeugungen eines Menschen ihn nicht Teil einer Gemeinschaft werden lassen, selbst wenn diese Gemeinschaft vorgibt, dieselben Überzeugungen zu haben und dieselben Worte zu benutzen. Eine Identifikation über Worte taugt nicht. Vielleicht zog er deshalb den Menschen die Hunde vor, in seinen späten Jahren, als er resigniert hatte.
Die Weimaraner schlagen mir um die Beine, als ich die geschotterte Einfahrt zum Haus hochgehe. Das reetgedeckte Dach liegt geduckt unter den nördlichen Winden und reicht an der Nordseite beinahe bis ins hochstehende Gras. Ich tätschel die Hunde hinter den Ohren, rufe: Lauft! und sehe ihnen nach, wie sie schlacksig meiner blassen Mutter, die in der Tür steht, entgegenhetzen. Ich kann die beiden Rüden nie auseinander-halten.
„Nun musst du auch noch von Schweden runter kommen wegen ihm. Du kannst doch da nicht einfach fehlen, bei deinem Seminar.“
„Lass mal, Mama“, sage ich, „sind ja nur zwei Tage, die haben das schon verstanden.“
Meine Mutter sieht jetzt wirklich eingefallen aus. Sie hat ihn nie verstanden, diesen herrischen Menschen, von dessen Reden sie nichts höhren wollte, Tinnef und Fisimatenten, sagte sie und fuhr nach Leipzig in ihren kleinen Laden und zu den Pflanzen zurück. Vielleicht war das das einzige, was Vater und Tochter verband: Die nicht ausgesprochene Überzeugung, seine Hunde und ihre Blumen stünden ihnen näher als die Anderen. Tinnef und Fisimatenten, das, wofür er mich eingenommen hatte, schon als er noch abends von seiner Schrankenanlage heimkam, die blaue Uniformjacke aufgeknöpft und eine Zigarette in seinem trockenen Mundwinkel. Wenn er die staubige Strasse hochkam und ich am Fenster auf der Bank gehockt hatte und ihn durch die Scheibe kommen sah, und es nicht erwarten konnte, weil ich ihm erzählen wollte, was ich behalten hatte von dem, was er mir tags zuvor beigebracht hatte in Spanisch oder über die Dreckshunde der Falangisten. Jirzi Krecek, der seine Jugend verloren hatte wegen der Falangisten, siebenunddreissig vor Teruel.

Sprechen lehrtet ihr mich, und mein Gewinn
ist dass ich fluchen kann. Die Pest zerfress euch,
weil ihr mir eure Sprache beigebracht.

Mein Grossvater konnte Zigaretten rauchen und dabei reden und sie nie aus dem Mundwinkel nehmen, er konnte Blindschleichen mit Drahtschlingen fangen und seine Budapester so polieren, dass sie die Farbe von Bernstein bekamen. Er trug seine Anzüge, bis die Ellbogen vollends zerschlissen waren und die Nähte an den Taschen zerfielen, weil er immer ein Buch darin trug, einen schmalen Band von Majakowski oder von Rilke, auch als diese nur noch schwer zu bekommen waren.
Es kann nichts aus einem werden, der mit sechzehn Strindberg vorgelesen bekommt oder Kierkegaard.
Wann genau er resigniert hatte, lässt sich nicht sagen. Vielleicht nach Ungarn. Vielleicht auch schon beim Volksaufstand drei Jahre zuvor. Als ich geboren werde, hat Biermann noch vier Jahre, in München steht der ausgebrannte Hubschrauber auf dem Rollfeld und mein Grossvater sitzt schon Jahre abgeschoben bei der Bahn.
Wie einem Mädchen denn heute noch so was passieren könne, fragt er meine Mutter, und sie traut sich lange nicht, ihm zu sagen, woher mein Vater kam und wieso er nicht herangeholt werden könne, sich zu kümmern um seinen Sohn. Wenn man die neun Monate von meinem Geburtstag zurückrechnet, ist man mitten im Frühling, meine Mutter verkauft Primeln, und Leipzig schmückt sich für die Industriemesse.
„Junge, hast du schon gegessen“, fragt meine Mutter mich in der Tür, „du bist mir ganz schön blass um die Nase, ich weiss nicht, kommt das von heute oder kriegst du gar keine Sonne mehr zu sehen?“
Wir sitzen dann um den Tisch in der Küchenecke und essen, neben mir auf dem abgestossenen Bord liegen noch Brechts Buckower Elegien und ein ausgewischter Cabinet-Aschenbecher. Ich krampfe die Hand um den Löffel. Meine Mutter blickt auf die Tischplatte. Einen kurzen Moment lang möchte ich meine Linke auf ihren schmalen Arm legen, aber dann lasse ich es und frage:
„Was wird mit dem Koffer?“
„Ach Clemens“, es klingt gleichermassen belustigt wie entmutigt, „nimm ihn schon mit, er liegt im Arbeitszimmer, unter dem Bücherschrank, du weißt doch, das war eure Geschichte, ich wollte da noch nie was von sehen. Er war genauso alt wie du jetzt, weißt du, als er da runter gegangen ist. Er hat es mir neulich noch gesagt.“
Da runter. Meine Mutter sagt nie: nach Spanien. Sie sagte auch nicht: in die Sowjetunion, nach Moskau. Sie sagt: nach Russland. Meine Mutter hat sich noch nie etwas aus anderen Ländern gemacht. Sie war in dieses Land hineingeboren, sie musste es nicht erst finden, es nicht erkämpfen. Und ich bin gerade im Begriff, es endgültig zu verlieren, es wegzuschmeissen. Aber ich habe noch keinen Ersatz.
Die Dielen in Jirzi Kreceks Arbeitszimmer sind stumpf und ächzen unter jedem meiner sachten Schritte. Der Raum ist still und, weil das Fenster schon eine Weile lang offensteht, nicht so muffig, wie ich ihn in Erinnerung habe. Eine getünchte, vom Rauch gelbe Decke hängt niedrig über dem massiven Schreibtisch und dem mit Bleiglastüren versehenen Kirschholzschrank. Schmale Gedichtbände, Erzählungen und Essay-Sammlungen, billige graue Paperbacks zumeist, nur selten einmal eine bibliophile Ausgabe, mein Grossvater war Leser, kein Sammler. Aufbau-Verlag, Volk und Welt, was nicht bei uns gedruckt werden konnte, von westdeutschen Verlagen, weiss der Henker, wie er da rangekommen war. Ob er lange überlegt hatte, wo er es machen sollte, so ein schwerer Schreibtisch bietet sich eigentlich an, aber er hatte die Pistole aus der Schublade geholt, sie aus dem Baumwolltuch gewickelt, geölt und war damit in die Scheune gegangen, am Hundezwinger vorbei. Warum hatte er die beiden nicht auch erschossen? Auf wen vertraute er, dass er die Hunde weiterleben liess, ohne ihn?
Ich knie mich hin und ziehe den gelben, speckigen Lederkoffer unter dem Bücherschrank hervor. Er hat Metallverschlüsse, feste Riemen mit Schnallen und ein stabiles Schloss, dessen Schlüssel er zum Glück schon vor langer Zeit, ich glaube noch in Moskau verloren hatte, so dass ich den Deckel mit einem schnappenden Geräusch öffnen kann. Drin ist alles sauber verteilt. Ich greife die Canvas-Tasche am Riemen und ziehe sie heraus. Sie ist weich und biegt sich unter dem Gewicht der Leica durch. Darunter die breite, flache Pappschachtel mit den Bildern, einige Umschläge mit Fotopapier und der zerlegte Meopta Axomat. Ich nehme nur noch die Schachtel heraus, schaue kurz in die Kameratasche, ob alle drei Objektive und das Gehäuse drin sind und schlage den Deckel des Koffers wieder zu. Plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob er die Sachen wirklich für mich so ordentlich arrangiert hat, damit ich sie leicht finde, es spricht alles dafür, aber ich fühle mich dennoch wie ein Plünderer und will so schnell wie möglich raus.
Als ich schon auf der Türschwelle stehe und die Holzbohlen hinter mir noch einmal knarzen, sehe ich, dass auf dem Plattenspieler noch eine Scheibe liegt und der Deckel hochgeklappt ist. Ich gehe rüber und lese das Etikett: Schostakowitsch, 14. Sinfonie. Jetzt bin ich mir sicher: Das hier ist für mich, es ist ein Requiem, der Soundtrack zu seinem Abgang und dieser Szene jetzt, in der ich, drei Tage später und unter demselben sommerlichen Himmel, hier stehe und die Nadel noch einmal, bestimmt zum hundertsten Mal, in die erste Rille der Platte lege:

Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war
bleich und verweigend in den steilen Kissen,
seitdem die Welt
und dieses Von-ihr-Wissen
von seinen Sinnen abgerissen,
zurückfiel an das teilnahmslose Jahr.
Die, so ihn leben sahen, wussten nicht,
wie sehr er Eines war mit allen Diesen;
denn Dieses: diese Tiefen, diese Wiesen,
und dieser Wasser waren sein Gesicht.
O sein Gesicht war diese ganze Weite,
die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt,
und seine Maske, die nun bang verstirbt,
ist zart und offen wie die Innenseite
von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.

Die Achsen und Federblätter des silber glänzenden Regionalexpress Berlin-Rostock können die Schläge der alten Bahnstrecke nicht abfangen und leiten sie ungedämpft an die dösenden Reisenden weiter. Es ist schon bald ein Rhythmus, eine monotone Linie von Klang und Erschütterung, ein Rattern, ein Schlacken, hundertachtzig Mal lauter und verwackelter als der Verschluss einer Leica. Die matt blickenden oder schlafenden Passagiere haben ihre Hemden aufgeknöpft und strecken die Arme von sich, gegen die Fenstereinfassung oder die rot-kunstledernen Lehnen der Vierersitzgruppen. Die drei Plätze um mich sind frei geblieben. Ich sitze in der prallen Sonne. Das Metallgehäuse vom Minidisc-Spieler neben mir auf der Sitzfläche hat sich aufgeheizt, ich lege meine braune Hand darüber. Die Batterieanzeige blinkt.
Die letzten Jahre über fahre ich durch dieses Land, nicht weit, bloss von Leipzig nach Neustrelitz oder manchmal nach Dresden, um dort zu arbeiten, und es kommt mir vor wie das Land von Anderen. Die Menschen bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit in ihrem Leben, die mir ungeheuer erscheint, wie eine ständige Anmassung. Sie scheinen nichts von dem, was um sie herum täglich geschieht, was es an vereinbarten Verhaltensweisen gibt, als eine Zumutung zu empfinden. Kann man sich so sehr mit etwas abfinden, bloss weil es eingespielt ist? Warum ist es für mich so ausgeschlossen, auch nur für einen Augenblick an dieses Spiel zu glauben? Aber diese Fragen stelle ich mir da noch nicht, ich bin noch nicht im Hostal Aragon, ich habe auch Milena noch nicht getroffen. Die Fragen, wenn es überhaupt Fragen sind, beginnen erst ganz langsam, kaum bemerkbar sich vor meinem inneren Horizont abzuzeichnen. Wie eine Dämmerung. Es ist erst nur ein Gefühl. Etwas ist dabei, sich zu ereignen. Dinge zerfallen. Die Mitte hält sie nicht. Eine Enthüllung steht bevor.
Auf den vertrockneten Feldern stehen die Störche. Sie staksen weiss und aufrecht zwischen den niedergedrückten Ähren umher und blicken ein wenig erstaunt dem Zug nach, der nicht so recht passen will in die Stille der Mittagshitze. Für die Störche sind wir Statisten. Für mich, flach atmend und schwitzend in meinem kaum vom Wind durchstrichenen Traveller-Abteil sind sie Staffage. Langbeinige, dümmlich in der Landschaft herumstehende Wanderer, die dennoch dem ausgedörrten Land so etwas wie Sinn zusprechen und es nach mehr als nur einem Stück verblichener Leinwand aussehen lassen. Ich blinzle ihnen zu, auch wenn sie es nicht sehen können. Los caballeros volando.
Wir halten mit schleifenden Bremsen zwischen den in die Felder gestreuten Zweifamilienhäusern einer kleinen Stadt. Dotterblumen, Brombeeren und verrostete Dosen am Bahndamm. Die Türen schlagen kurz vor dem Anfahren mit einem Knall zu und zerreissen das abgestandene Schweigen über den Dächern. Ich sehe ihn erst gar nicht und schaue den aufgegebenen verwitterten Industrieanlagen am Stadtrand hinterher, aber als ich wieder nach vorne, zur Tür blicke, steht er da, als hätte er schon immer dort gestanden: Auf der Plattform zwischen den Waggons lehnt ein Schwarzer über einem grell bunten Kinderwagen und liest in einem Buch. Es ist ganz offenbar sein Kinderwagen, es ist sonst niemand bei ihm, und ich muss mich zu diesem Gedanken überreden, weil der Mann ein helles weites Gewand und einen Turban trägt zu einem dichten, schwarzen Vollbart. Der Schwarze liest im Koran. Sein Blick ist vollkommen ruhig und gelassen auf die Suren in seinem Text gerichtet, mit der freien Hand wiegt er den Griff des in seiner Buntheit unsagbar albern wirkenden Kinderwagens. Es ist ein Bild von grosser Erhabenheit und gleichermassen grosser Lächerlichkeit, denn die Gelassenheit und Würde dieses Mannes wird von den schreienden Farben und dem billigen Plastik des Kinderwagens in einen Anachronismus gestürzt, der die Erscheinung mit Fremdheit und Traurigkeit überzieht. Dennoch: Ich ertappe mich bei dem flüchtigen Gedanken, dass der schwarze Geistliche mit seinem Kind der Mensch in dieser von der Julihitze versengten mecklenburgischen Weite ist, der mir als einziger nahesteht. Sehr leise und nur für sich ein paar Worte nachsprechend dort vorne, auf der schwankenden Plattform, und ohne mich gesehen zu haben. Aus einem fernen Land hineingeworfen in das mürbe Regelwerk unseres Alltags, dem er sich angepasst hat, dem er folgt, mag sein nicht einmal nur zum Schein, sondern mit Verständnis, mag auch sein mit Staunen und einem wissenden Lächeln.
Vielleicht, denke ich, soll mich die Fremdheit und das Lächeln dieses Mannes an etwas erinnern, aber ich finde nichts und wische den Gedanken zur Seite. Ein merkwürdiges Pathos, denke ich, mein Grossvater ist tot, ich fahre zurück nach Schweden um einen Waffenschein zu machen und vorn im Zug steht ein Moslem mit einem Kind, das in diesem Land natürlich in einem Kinderwagen gefahren wird, was sollte mich da an irgend etwas erinnern. Die Dinge sind was sie sind, wenn man die Bedeutung herunterrechnet.
So in etwa zeigt sich eine dreiviertel Stunde vor Rostock noch einmal ein Rest an Stabilität, der meine Haltung gegen die Erschütterungen schützt. Was sollte mich schon woran erinnern? Überzeuge ich mich, wie ich es von mir gewohnt bin, und ich ärgere mich da schon, dass ich überhaupt solche Fragen und Assoziationen aufkommen lasse, Fragen, die ich nicht von mir kenne und die ich keinesfalls gelten lasse. Die Vorfälle der letzten Woche können gerade noch kompensiert, gerade noch abgefangen werden vor meinen Mauern. Der Wall bebt zwar, aber er hält noch stand, und meine Sturheit verhindert, dass ich mehr sehe in den Blicken und dem Lächeln von Koranschülern und Katzen auf heissen Autodächern als eben ein Lächeln, das nur ihnen gehört, das nicht mir gilt, genausowenig wie das der Ostseeurlauber in der Sitzgruppe neben mir.