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Offshore /// Kapitel 05 /// Neustrelitz

März 30, 2007

You can’t change the way she feels,
but you can put your arms around her.
[Massive Attack: Protection]

Manche Worte sind mit der Zeit verschrammt und abgestossen wie sprödes Leder. Wenn er nach einem Sturm am Haus etwas richtete oder mit den Hunden durch die regennassen Wiesen strich, trug mein Grossvater grosse, bis zu den Knien reichende Lederstiefel. Die Stiefel waren braun und speckig vom Einfetten und Polieren. Das Leder war vorne und an den Fersen ganz zerknittert, die Märsche und Wanderungen hatten dunkel schimmernde Kerben in die Rinderhaut eingeschrieben, Geschichten, die sich im faltigen, gegerbten Gesicht von Jirzi Krecek wiederfanden. Schaftstiefel nennt man diese klobigen Dinger, und früher Knobelbecher, und bei beiden Worten weht ein Geruch von Krieg und Vertreibung über das Gatter zu unserem Haus herüber. Ich denke mir Reiterhosen dazu, feldgrau, mit einer breiten roten Naht, Ritterkreuze und schwarze Kragenspiegel und Totenköpfe. Die Worte sind verbraucht. Für immer behaftet.
Jirzi Krecek hatten seine braunen, schnallenlosen Knobelbecher durch ganz Russland und den Balkan getragen, bis er sich in Budapest ein paar neue Halbschuhe für den vermeintlichen Frieden kaufte und die Stiefel zusammengeschnürt an eine Schliesse seines Koffers hängte. Seitdem standen sie lehmverkrustet auf einer Hanfmatte neben der Hintertür, unter einem Schemel, auf den Krecek sich setzte, wenn er sie mit Mühe über dicke graue Wollsocken zog, im Herbst, wenn das Wasser in den Fahrrinnen der Feldwege stand und die Wolken spiegelte.
Ich kenne den Schemel und die Stiefel seit ich klein war, und ich habe beides heute morgen dort an seinem Platz stehen sehen, als ich das Haus hintenrum verliess um auf dem kürzeren Feldweg zur Bahn zu gehen. Die Matte lag, ein bischen schmutzig, neben der Tür, und darauf standen, genau in der Mitte, die drei hellen Beine des Schemels. Mir wäre das gar nicht aufgefallen und ich wäre sicherlich, wie eigentlich immer, rasch daran vorbeigegangen, wenn nicht die Stiefel gewesen wären: Sie waren ohne einen Krümel Erde und glänzten frisch poliert, so dass sie, und da war schon wieder eine dieser ungewollten Assoziationen, aussahen, als wolle ihr Besitzer sie am Mittag für einen Umzug der SA anziehen. Krecek musste sie an dem Tag, als er in die Scheune gegangen war, morgens noch abgewaschen und mit Lederfett eingerieben haben, wie ein Offizier noch einmal seinen Säbel ölt und vor sich auf den Schreibtisch legt, bevor er sich die Dienstwaffe an die Schläfe drückt. Vielleicht hatte mein Grossvater sogar noch überlegt, ob er die Stiefel überziehen soll oder, was er dann entschied, die Budapester. Ich bin sicher, hätte er die Stiefel gewählt, es wäre etwas abzulesen gewesen aus dieser Entscheidung, ein Hinweis, ein Link zu der Zeit in Moskau oder dem Ural oder der Flucht. So aber die Budapester. Immerhin war Juli und schon der Morgen hatte fast dreissig Grad. Darin steckte keine verborgene Symbolik.

Woran ich als Kind dachte, wenn ich Krecek in seinen Knobelbechern sah, war nicht die SA, denn davon hatte ich da noch nichts gehört. Ich dachte an Bohnen. Wenn im Frühjahr die Wege schlammig waren und ich in den Osterferien bei meinem Grossvater zu Besuch war, gingen wir in den Garten, um Bohnen zu pflanzen. Ich zog meinen Anorak an und stapfte ihm hinterher, aus der hinteren Tür hinaus und zur Scheune hinüber, wo die Bohnenstangen zusammengebunden an ein paar verrosteten Haken an der Mauer hingen. Der schwarze Hirtenhund, den er damals noch hatte und der Majakowski hiess, weil er, so sagte Krecek den Leuten, sowas melancholisches habe, wetzte neben uns her und schlug seinen Schwanz gegen unsere Hosenbeine. Krecek und ich banden die Schnüre los, jeder auf einer Seite, und liessen die Stangen zu Boden poltern. Man musste höllisch aufpassen, dass einem keine auf die Füsse fiel. Dann nahmen wir immer drei auf, einer vorn und einer am hinteren Teil, und trugen sie zum Feld rüber, wo Krecek mit einem Spaten Löcher aushob, jeweils ein tiefes für eine Stange und ein kleineres dicht daneben für die Bohnensamen. Dabei zog er seine Lodenjacke aus und warf sie zu mir herüber auf die Wiese, dass ich mich daraufsetzen konnte. Der Hund buddelte seine eigenen Löcher, da wo sicherlich keine Bohnen hinkämen aber vielleicht ein paar Kaninchen aufzuspüren waren.
Im Herbst, wenn ich wieder Ferien hatte, ernteten wir die Bohnen ab und befreiten die Stangen von den dichten und widerspenstigen Ranken, bevor wir sie ausgruben und wieder gebündelt an die Wand hängten. Das machten wir jedes Jahr so, bis ich gross war und keine Schulferien mehr hatte.

Krecek brauchte bei den Bohnen keine Hilfe. Es ging ihm um etwas anderes. Es liess sich, wenn er den Stiefel an den Spaten setzte und eine Schaufel voll schwarz schmatzender Erde aushob, gut von Spanien erzählen und von falschen Ideologien. Ich sass dort auf seiner Jacke, ass eine Birne oder eine dicke Scheibe Brot und Krecek sprach über Heiner Müller, dessen Name sich leicht behalten liess, und über diesen russischen Schriftsteller im Gulag, dessen Name mit den vielen S-Lauten nicht leicht von der Zunge ging und den ich mir nie merken konnte. Er beschwerte sich nie darüber, an seine Bahnschranke abgeschoben worden zu sein. Die Traktoristen, sagte er, die Kerle auf dem Bau oder an der Essensausgabe meiner Schulkantine hätten mehr Mumm und Aufrichtigkeit als irgendein anderer in diesem verödeten Land.
Das war so seine Ausdrucksweise, und obwohl ich noch klein war und weder etwas von Aufrichtigkeit noch von der Verödung unseres Landes verstand, merkte ich, dass da Trotz aus seiner Stimme sprach und er den Spaten kräftiger und tiefer in die Erde stiess, wenn er darauf zu sprechen kam.
Ich habe später erst die Begriffe gelernt, die dieses Land veröden liessen und den Menschen die Aufrichtigkeit und den Mumm nahmen: Den Kopf unten halten wie in einem Spargelbeet, geschmeidig sein und biegsam. Mein Grossvater benutzte die Formulierungen nie, und ich war bis zur Wende davor verschont, Entscheidungen über meine Fähigkeit zur Biegsamkeit und Geschmeidigkeit treffen zu müssen.
Krecek, hatte ich das Gefühl, war nicht biegsam, im Gegenteil, wenn es ein Wort für seine Art gibt, dann wohl knorrig, sperrig, er war ein sturer Hund aber er setzte es nicht ein. Er verweigerte sich. Eine Art innerer Emigration. Er konnte das: Es gab sicherlich im ganzen Land keinen stolzeren Bahnschrankenwärter. Er liess sich nicht kleinkriegen. Und er liess sich wohl auch nicht recht fassen. Irgendwie hatten sie Angst vor ihm. Und er war ja auch sicher abgeschoben dort oben an seiner Nebenstrecke. Ein Schrankenwärter mit einem ideologischen und intellektuellen Fundus, der grösser war als der eines jeden Kaderfunktionärs. Ein Diogenes, der weiter nichts verlangt, als dass man sich nicht zwischen sein Weinfass und die Sonne stellen möge.
Er erzählte mir die Geschichte, als wir am Bahndamm Bäume schnitten und die dünnen Äste zu einer Hecke aufwarfen. Es war ein verhangener Herbsttag, aber für einen kurzen Augenblick fransten die Nebelschwaden auseinander und liessen eine niedrige bleiche Oktobersonne in unsere Gesichter scheinen.
„Siehst du, Clemens“, sagte er in die Sonne und schob die rauhen Hände in die Taschen, „in so einem Moment bist du jedem mazedonischen König an beidem, an Würde und an Unbezwingbarkeit überlegen.“
Dann schwieg er und streckte den unrasierten Hals aus dem schmutzigen hochgeschlagenen Jackenkragen.
Ein paar Minuten später sahen wir einen schwarzen Wolga auf der Strasse von Neustrelitz auf das Haus zufahren, und Krecek sagte, ich solle allein weitermachen, er müsse mal sehen, was die wollten. Er zog die Hände wieder aus den Jackentaschen, holte aus einer zedrückten Packung eine Zigarette heraus, zündete sie an und ging zum Haus. Sein Blick war düster geworden. Der Hund sah erst mich an, dann ihm hinterher und rannte schliesslich los, bis er meinen Grossvater eingeholt hatte.
Am Abend sprach Krecek kein einziges Mal über die Männer in dem Wolga, er war wortkarg, beinahe abwesend, kramte vor dem Schlafengehen in seiner Bibliothek und gab mir Camus’ „Mythos von Sisyphos“ mit nach Leipzig, das ich vor meiner Mutter in einem Schuhkarton versteckte.

Von meinem Grossvater weiss ich alles über Fotografie. Wenn ich über die Sitzlehnen im Regionalexpress hinweg die im Nachdenken oder im Dösen versunkenen Gesichter der Mitreisenden sehe, dann findet in meinem Kopf ein vollautomatisches Abgleichen von Verschlusszeiten und Blendenöffnung statt, ich messe die Schlagschatten in den Gesichter-landschaften, die Wölbungen und Vertiefungen, die Brüche, Kuppen, weichgezeichneten Verlaufslinien, Flächen von vollem Schwarz und von vollem Weiss. Ein Abstraktionsprozess. Ich löse die Gegenstände auf in verschränkte Schwarz-Weiss-Kompositionen, ein anscheinend ungewöhnliches Verhalten. Üblicherweise verfährt die menschliche Kognition andersherum. Als Kinder haben wir aus zusammengedrückten Tuscheflecken irgendwelche prähistorischen Tiere und Ungeheuer heraussehen sollen. Mir ist sowas nie gelungen. Ich hätte keine Fantasie, sagte meine Mutter, und die Lehrerinnen in der Schule meinten, ich würde mich verweigern, weil ich darauf beharrte, in den Wasserfarben keine albernen Tiere zu sehen, stattdessen aber gewagte Verläufe, Kurven, Biegungen, Einschlüsse, Fetzen, einen hohen Grad von Dynamik, ein Wort, das ich noch nicht kannte, dummerweise, vielleicht hätte es mir geholfen bei meinen vergeblichen Erklärungsversuchen. Von Dynamik zu sprechen wäre legitim gewesen und kein Versuch in Sturheit und Verweigerungshaltung.
Ich glaube, Krecek war sich meiner Sehweise nicht ganz bewusst, als er in einem Sommer die Reisszwecken aus der Wand über dem Plattenspieler pulte und mir den brüchigen, vergilbten Zeitungsartikel gab.
„Wer ist das?“ fragte ich ihn und er blies den Rauch aus, nickte leicht und sagte stumpf:
„Capa. Nun lies mal.“
Ich bin kein Capa-Typ. Das hängt wohl mit diesem Abstraktionsverhalten zusammen. Capa war konkret. Mein Grossvater war konkret. Ich mochte Rodschenko und manchmal Brassai. Ich versuchte mich darin, Perspektiven aufzulösen und neu zu setzen, Flächen gegeneinanderzustellen. Mit dem abgelichteten Schwarz-Weiss zu malen. Capa bildete Realität ab. Schonungslos. Offen. Unbehandelt. Als ich Krecek versuchte zu erklären, dass ich in Capas erschossenem Brigadisten eine ausgefeilte, hoch-dynamische Konstruktion sehe, kam ich mir genauso hilflos und unverstanden vor wie meiner Lehrerin mit den Tuschbildern gegenüber. Diesmal traf mich das Unverständnis mehr. Krecek sagte:
„Blödsinn. Das war Krieg. Ich habe das Blut auf der Jacke dieses Mannes gesehen. Ich habe ihn ein Stück Ziegenkäse essen sehen an dem Morgen, Capa auch, und wenn er gewusst hätte, dass am Nachmittag, als wir gegen die Linien angestürmt sind, eine Kugel die Lunge von dem Burschen zerfetzt, hätte er vielleicht seine Leica rausgeholt und ein Bild gemacht von ihm und seinem verdammten andalusischen Lachen und dem Manchego und dem allen.“
Darauf liess sich nichts mehr entgegnen. Ich sah mir den gestreckten Bogen des getroffenen Körpers an, die verkantete Linie des fallenden Gewehres und verfiel in Schweigen. Ich kam nicht gegen ihn an. Er war auf eigenem Territorium. Krecek bewegte sich immer nur auf von ihm abgestecktem Gebiet. Es war sein Krieg, er sah sich als alleinigen Inhaber der Auslegungsrechte. Pächter der Wahrheit.
Der Zeitungsausschnitt über dem Plattenspieler ist die Meldung über Capas Tod 1956. Krecek hatte das Datum mit einem Bleistift an den Rand geschrieben. Capa war als Kriegsberichterstatter in Indochina auf eine Mine getreten. Es hätte früher passieren können, in Spanien oder im Hitlerkrieg, es hätte ihn auch später erwischen können, in Kambodscha oder El Salvador, aber dass es passieren würde, war festgelegt, war, wie man so sagt, vorprogrammiert. Sein Tod war – mehr als bei anderen – Bestandteil seines Lebens. Er war vorhersehbar, in genau dieser Form, eine beinahe theatrale Inszenierung: ein Reisfeld, französische Soldaten vor ihm auf Patroille, ein Draht. Seine Leica blieb unbeschädigt. Es war noch ein halb belichteter Film drin.
In der Zeitung wurde darüber sehr knapp und sachlich berichtet, eine Randnotiz, einspaltig, immerhin mit Bild: Capa im Halbprofil, mit konzentriertem Blick, seine scharfen Gesichtszüge, eine Strähne in der hohen Stirn.
Krecek ging es beim Fotografieren nicht so sehr um Kunst. Er glaubte an die Beweiskraft von Fotos. Er war sich sicher, in den Reportagen von Capa, in seinem schonungslosen Realismus könne eine Wahrheit unveränderlich festgehalten werden. Es liesse sich nicht manipulieren. Daran hielt er sich fest. Die Geschichten konnten verbogen werden, unterschiedlich ausgelegt mit den Jahren und dem Wechsel der Systeme, die Bilder in seinem gelbem Lederkoffer würden unbestechlich zeugen von den Desastres de la guerra. Für ihn waren die dem Licht ausgesetzten Partikel des Fotopapiers keine Abstraktionen, es war ein Festhalten von Wirklichkeit, ein Fingerabdruck der Geschichte.
Er musste diesen Anspruch irgendwann aufgegeben haben, oder es handelte sich um eine reine Übung, wenn wir bei gutem Licht ein paar Orwo-Filme einsteckten und rausgingen. Er nannte das so. Schaute morgens seitlich aus dem Fenster und brummelte: „Gutes Licht heute.“ Er sprach nie von schönem Wetter, immer nur von gutem oder ungünstigem Licht. Er liess mich dann Bäume fotografieren oder Steine, die vom Wind geneigten Ähren im Hochsommer oder die Schneeverwehungen im Januar. Spiegelungen im Schwarzwasser oder Gewitterwolken, die schwer und niedrig über das durstige Land zogen. Er liess mich Ausschnitte wählen und Verschlusszeiten berechnen. „Hier. Was meinst du?“ fragte er, wenn wir irgendwo stehen blieben, und ich überlegte kurz und sagte unsicher „250tel bei 11er Blende“ oder „125tel bei 2,8“, wenn ich keine Schärfentiefe wollte. Wenn er nicht einverstanden war, sagte er nichts, drehte seinen Kopf ein wenig und sah mürrisch aber doch wohlwollend zu mir herunter, dann wusste ich, ich würde über- oder unterbelichten und daher nachkorrigieren müssen.
„Krecek,“ fragte ich, ich nannte ihn wie alle bei seinem Nachnamen, was in meinem Fall blödsinnig war, weil ich denselben trug, dennoch, ich nannte ihn Krecek, selten Grossvater, niemals Opa oder Jirzi, denn kein Mensch rief ihn bei seinem Vornamen, er war für alle Krecek.
„Wie lange hast du die Kamera schon?“
Ich fuhr sachte mit zwei Fingern über die abgestossenen blanken Kanten und Ränder des Gehäuses und der Einstellrädchen.
„Ich meine nur, weil noch nie etwas damit war.“

Das verschrammte schwarz lackierte Aluminiumgehäuse neben mir auf dem Sitz ist das einer Leica M3, erste Produktionsreihe von 1956, dem Jahr, in dem Capa den kurz über dem Brackwasser gespannten Draht der Landmine auslöste. Die M3 war die erste nach dem Krieg neu entwickelte Leica. Die Konstrukteure in Wetzlar hatten die in den 20er und 30er Jahren gebaute Leica 1 nicht nur weiterentwickelt und den technischen Standards der Nachkriegszeit angepasst, sondern hatten eine grundsätzlich neue Kamera konzipiert. Einen Bajonettring für Wechselobjektive, einen verbesserten grossen Sucher und einen Schnellspanner für den Filmtransport. Die M3 wurde auf der Photokina im Herbst des Jahres einem begeisterten Fachpublikum vorgestellt. Für Krecek, seit zwei Jahren an die Müritz abgeschoben, fielen diese beiden Ereignisse bedeutungsschwanger zusammen: Capas Tod in Indochina und die M3 auf der Kölner Messe. Er konnte sich dem nicht entziehen. Er wusste, er würde, zehn Jahre, nachdem er seine Leica 1 am Ural gelassen hatte, diese neue Kamera haben müssen, für sich, für Capa, wegen Spanien oder der inneren Emigration an der Müritz, aus Trotz oder Sentimentalität, oder weil er wieder eine Wahrheit festhalten wollte, eine andere dieses Mal, mit anderen Bildern und mit einer anderen Sprache, einer verschlüsselten, lyrischen.
Im Frühjahr nahm er ein Messer und trennte das Innenfutter aus dem Deckel seines Moskauer Lederkoffers. Der honigfarbene Stoff hing schlapp herunter und gab zwei falsche Reisepässe und eine Unmenge schmutzig grüner Rubelnoten preis. Krecek liess die Pässe und das Bild unbeachtet im Koffer, zählte die Scheine ab und wickelte sie in ein Taschentuch. Am nächsten Morgen sass er gutgekleidet im D-Zug nach Leipzig zur Industriemesse, von wo er eine fabrikneue Leica M3, ein 35er Objektiv und meine Grossmutter mitbrachte.

Ich zünde mir eine Zigarette an und hebe die Pappschachtel aus der Kameratasche. Die Ecken des Deckels sind aufgerieben, an einer Seite löst sich an der Falz ein Stück Pappe ab. Kreceks kleinformatige Abzüge lassen die zehn Jahre, die er nicht fotografiert hat, erkennen: Die Front am Ebro, Soldatengesichter mit verwurschteltem Haarschopf oder schräg sitzenden Baretten, Verbände um Arme und Beine oder den Kopf, Tote beider Seiten im Staub, im Hintergrund immer eine Rauchfahne irgendeiner brennenden Stadt. Später Moskau, der Newski Prospekt, das International, Emigranten-freunde, deren Gesichter ich nicht kenne, schwarze Dreiteiler oder Mäntel, immer wieder Koffer und Hotelzimmereinrichtungen und Blicke, aus denen Unruhe und Angst spricht, trotz des Kameralächelns. Und dann Bilder mit etwas grösserem Format. Orwo-Papier. Kein einziger Mensch darauf. Achtzig neunzig Bilder voller Leere, voller Stilleben. Nature mort. Und das ist es wirklich: Braunkohlebagger, Tagebaugebiete, aufgeschürfte Erde wie nach einem Granathagel, nach einem Stahlgewitter, dann auf dem Reissbrett entworfene Arbeiterstädte, Erzkombinate, Kraftwerke, Koksereien, auch dies ohne eine Menschenseele auf den Strassen oder an den Öfen, tote Industrielandschaften, und nie bei Sonne, immer unter einem fahlen stumpfen Himmel, der nur eine Nuance anders getönt ist als der Beton der Formelemente und Fabrikschlote.
Das Papier schiebt sich pelzig durch meine Finger, ich blättere immer schneller, ungeduldiger, kann auch sein, ich bin visuell überreizt von dem Grau und der Leere und Kreceks offensichtlicher Hinwendung zum zynischen, zum grotesken. Er hatte mir die Bilder nie gezeigt, sehr wenige nur, ich fragte ihn auch nie danach, liess ihn gewähren, denn ich wusste ja, hätte er es gewollt, er hätte die Schachtel von sich aus hergekramt, ohne mein Nachfragen. So war das immer. Ich versuchte mich in Zurückhaltung und wartete. Er hatte immer etwas vor mit mir.
In der Dunkelkammer im niedrigen feuchten Keller zogen wir nur immer meine Negative ab, schoben Rotfilter vor die Linse des Axomat, um Wolkenformationen vom Himmel abzusetzen, schnitten Masken aus Pappe, hängten Grossformate zum Trocknen mit Klammern an eine Leine unter die Decke. Es roch beissend nach Entwicklerflüssigkeit und Fixierer, und Krecek erzählte mit Runzelfalten in den Augenwinkeln, die wohl ein Lächeln andeuteten, vom Silbersee, unten bei Wolfen, bei der fotochemischen Industrie, wo man einen belichteten Film ins Wasser hätte werfen können, um ihn zu entwickeln. Er zeigte mir, wie man 100er Filme pushen konnte, wenn keine lichtempfindlicheren zu haben waren, liess mich die Leica auf einem roten Öltuch zerlegen und wieder zusammensetzen wie eine Waffe und erklärte mir Parallaxe und Gradation.
Krecek habe ich nie fotografieren sehen. Seinen Eifer übertrug er auf mich. Ab dem Zeitpunkt, da er mich an das Fotografieren heranführte, schienen seine eigene Arbeiten entbehrlich geworden zu sein. Ich trat sein Erbe an. Als er sicher war, der Wahl meiner Belichtungszeiten vertrauen zu können, stand er immer seltener neben mir. Er hielt auf unseren Ausflügen etwas Abstand, wenn ich Bildausschnitte suchte und über Astwerk und Doldenblütler und scharfes Gras stapfte zu einem geeigneten Platz. Er rief den Hund zurück und setzte sich mit umgeschlagenen Hosenbeinen auf einen umgestürzten Baum oder eine trockene Hügelkuppe und rauchte. Der Hund stöberte Nagetiere auf oder sass, wenn er müde war, neben ihm, und so sah ich sie dann, wenn ich mich über die Schulter umblickte, ein Alter mit Schiebermütze und einem schwarzen Hund auf einem Hügel voller Butterblumen, beinahe ein Idyll, eine Pastorale, wenn man dafür empfänglich ist.
Mir fällt ein, dass dies das erste Mal ist, dass ich seine Kamera bei mir habe, ohne dass er da ist. Er hat sie mir nie überlassen, wenn ich zurück nach Leipzig fuhr, nicht für einen Tag. Und auch das war mir bewusst, ohne dass ich versucht hätte, ihn darum zu fragen. Ich muss schmunzeln, wenn ich sie im Halbdunkel der Tasche liegen sehe, mit abgeschraubten Objektiv und einem Kunststoffdeckel über dem Bajonettring: wie eine goldene Taschenuhr, die über Generationen weitergereicht wird, vom Vater an den Sohn an den Enkel. Vor den Vätern sterben die Söhne, erinnere ich mich an den Titel eines Buches in Kreceks süsslich riechenden Kirschholzschrank. Ich blende den Gedanken, der daran anzuschliessen hätte, aus, mit einer angedeuteten Handbewegung des Wegwischens, Fortwerfens, und richte den Kopf zum Mittelgang des schlingernden Waggons.

Der Schwarze mit seinem Kinderwagen ist fort. Wir hatten kurz gehalten, was mir gar nicht aufgefallen war, die Türen waren auf- und wieder zugeschlagen, draussen stand die Hitze wie eine Wand, ich hatte nicht bemerkt, dass Reisende aus- oder eingestiegen waren. Jetzt bin ich wieder allein, ist mein erster Gedanke,. Die Fremdheit dieses Mannes war ein Bezugspunkt für mich gewesen, und das hatte mir nicht gefallen. Ich spüre Erleichterung. Etwas ist an mir vorbeigegangen, etwas, das die Stille und Zurückgezogenheit dieser Fahrt gebrochen hätte. Etwas, mit dem ich mich hätte auseinandersetzen müssen. Ich lege die Schachtel zurück in die Tasche und schliesse eine Schnalle, dann steht sie neben mir.
„Hallo,“ sagt sie, und „ist hier noch frei?“
Milena ist gross, sie steht mehr über mir als neben mir, aber das kommt mir nur so vor, und auch, dass da etwas in ihrer Stimme ist, projiziere ich, denn sie fragt nur, ob neben mir der Platz noch frei ist, eine überflüssige Frage, ich sitze allein in einer Vierergruppe. Ich stammle etwas, das nach „klar doch“ klingt und raffe meine Sachen zusammen, als würde sie mich ausrauben wollen. Sie setzt sich mit grosser Selbstverständlichkeit mir gegenüber und unterlässt jede dieser üblichen kleinen Handlungen, die Geschäftigkeit vortäuschen um Verlegenheit zu überspielen. Sie nestelt nicht an ihrem Beutel herum, zupft nicht ihre Kleidung zurecht, streicht sich nicht eine Strähne aus dem Gesicht, kaut nicht einmal unmerklich auf ihrer Unterlippe. Mich bestürzt diese Unbekümmertheit. Gerade nichts zu tun, wenn man weiss, dass man beobachtet, sogar gemustert wird, ist die grösste Zurschaustellung von Unbekümmertheit.
Milena mustert mich nicht, sie sieht anfangs noch nicht einmal zu mir her, eher ungerichtet auf irgendeinen Gegenstand an der Abteilwand, vielleicht denkt sie nach. Ich fühle mich dennoch unbehaglich. Meine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, auch wenn Milena nichts wirklich dazu beiträgt. Sie ist einfach da. Und ich blicke beinahe verstohlen auf den Stoff meiner zu warmen Hose.
Milena sieht merkwürdig aus. Die Dinge die sie anhat, die Bewegungen, die sie macht, der Ausdruck, den ihre Augen haben, wenn sie ins Leere gerichtet sind, das alles ist widersprüchlich und unübersichtlich und wirr. Man kann das alles beschreiben, ihre Kleider, ihre Bewegungen und Augen und Beine, aber das führt zu nichts, es bleibt Stückwerk, einzelne, unzusammenhängende Eindrücke, die kein vollständiges Bild abgeben. Splitter, die sich irgendwie zu Milena zusammenfügen.
Ihre Haare sind blond, das zu sagen bereitet keine Schwierigkeiten, ihre Haut ist braun, aber das stimmt schon nicht mehr, weil sie gebräunt ist, mehr als möglich wäre nach zwei Monaten Sommer in Mitteleuropa, sie ist so braun, als wäre Milena den gesamten Südsommer über surfen gewesen vor Brisbane oder Kapstadt. Man möchte die Hand auf ihre Haut legen, und das ist ein Gefühl, das sich selten bei mir einstellt. Milenas Haut ist von hellen Härchen überzogen, besonders an den Unterarmen. Ich denke mir, dass sie ganz weich sind, ein Flaum durch Sonne und Salzwasser gebleichte Haare. Sie legt einen dieser Arme, den rechten, auf die Lehne und hält mit dem anderen ihren Beutel. Durch den durchsichtigen Kunststoff erkenne ich eine Schale mit Feldsalat und einen Bund Möhren.
Ich kenne jedes der Dinge, die Milena anhat oder mit sich führt. Ich weiss nicht, warum ich mir das alles so genau ansehe, einpräge, es zu einer Liste zusammenstelle: eine Schale Feldsalat, ein Bund Möhren, ihre hellen Härchen, die aufgesprungenen Lippen mit der Nivea-Creme. Ich zähle die Dinge auf, als würde ich mich vergewissern wollen. Ihre aufgesprungenen Lippen, die Tasche aus Wildleder, ihre kurzgeschnittenen Fingernägel. Milena hat Hände, mit denen sie in Felswände greifen könnte, oder eine theatralische Bewegung von grosser Eleganz machen. Milena an einem Überhang in den Dolomiten, an einer Winsch beim Volvo Ocean Race. Milena als Hedda Gabler, als Nora, als Emilia Galotti. Das alles geht, und ich weiss nicht, was davon stimmt. Milena sagt:
„Das kommt von der Sonne, tut ganz schön weh, ist aber bloss Nivea drauf.“
Ich muss einen Augenblick zu lange auf ihren Mund gestarrt haben, oder gar nicht so lange, sie hatte das sowieso gewusst. Sie lächelt dann so einladend, dass sich meine Verlegenheit erst gar nicht richtig einstellt. Ich sage:
„Ich wollte nicht so hinschauen.“ Und sie sagt:
„Ich weiss.“ Aber lächelt dann anders, so dass auch ich weiss, dass ich uns beide für dumm verkaufen wollte mit meiner Ausrede.
Milena nimmt ihre Hand von der Lehne und fasst an ihren blossen Knöchel. Sie beugt sich etwas vor.
„Um deinen Mund liegt direkt so etwas wie Verachtung. Da… da sind so ein paar ernste Falten, die sehen aus, als würden sie nie weggehen.“
Sie zeigt mit einem Finger an meinen Mundwinkel. Ich weiche zurück. Ihre Hand wie eine Bedrohung. Wie eine Denunziation. Sie zieht sie zurück, ganz langsam, und legt den Kopf auf die Seite. Die grossen goldenen Ringe baumeln an ihren Ohren, man nennt die, glaube ich, Kreolen.
„Bis wohin fährst du?“
Ich sage: „Rostock.“
Ich stutze kurz, warum meine Antwort nicht Malmö ist, und am Ende kommt mir beides wie eine Lüge vor, Rostock, Malmö, das sind bloss noch Worte, mit denen ich keine Bilder, nichts Lebendiges verbinde. Ich frage sie nicht zurück. Milena sieht aus, als würde sie die halbe Stunde bis Rostock fahren oder auch bis zum Nordkap, sie würde für beides nicht mehr mitgenommen haben als ihren Beutel mit dem Salat. Vor dem Fenster schiebt sich träge die versengte Landschaft vorbei. Milena betrachtet aufmerksam meine Kameratasche.
„Fotografen sind komische Menschen. Die glauben immer, sie könnten das, was passiert auf einem Bild festhalten. Als ob das so einfach wäre. Da ist doch viel mehr, als das, was man sieht, wenn man durch so einen Fotoapparat guckt.“
Ich mache „Mmmh.“ Und tue bald so, als würde die Tasche überhaupt nicht mir gehören. Eigentlich tut sie das ja auch nicht. Ein Erbe kann man sich nicht aussuchen. Man tritt es an. Pflichthalber.
Milena unterhält sich nicht wirklich mit mir. Sie trifft Aussagen, die wie Leitsätze klingen. Und wenn sie mich etwas fragt, dann nicht so sehr um eine Antwort zu erhalten. Sie stellt die Fragen, die ich selber mir nicht stelle, nicht stellen will. Ihr Fuss wippt ganz sachte, die hellen Härchen auf ihren Armen bewegen sich leicht im Wind, weil vorn endlich jemand geschafft hat ein Fenster aufzureissen. Die Nivea-Creme zieht langsam ein. Milena steht mit einemmal auf, läuft leichtfüssig den Gang entlang und kommt mit zwei Flaschen Bier zurück.
„Komm,“ sagt sie, „wir trinken was. Scheiss auf die Hitze.“
Das Bier ist eiskalt. Die Flaschen beschlagen. Wir drücken sie gegen die Stirn und lachen.
„Mmmh,“ macht sie und legt den Kopf in den Nacken, „das ist gut.“ Ihr Hals ist ganz lang. Milena hat ein sehr stolzes Kinn.
Als die Schaffnerin neben uns steht, kramt Milena ein breites Portemonnaie aus ihrem Beutel und löst eine Fahrkarte. Ich betrachte verstohlen ihre Ausweise und Karten. Die ursprüngliche Adresse auf der Rückseite ihres Personalausweises ist überklebt. Wohnortwechsel. Nach Rostock gezogen zum studieren? Oder nach Berlin? Ich erkenne eine Karte von einer Bibliothek, aber nicht den Namen der Stadt, davor stecken ein paar Berliner S-Bahn-Tickets, Einzel- und Tageskarten, und schliesslich lugt da hinter einer Folie ein Passfoto hervor, Farbe, ein junger Typ, dunkle Haare, heller Pullover, ich sehe es nur ganz kurz, weil Milena bezahlt hat und ihr Portemonnaie zuklappt. Netter Kerl, soviel war zu erkennen. Ich weiss nicht, was ich sonst darüber denke. Das Schwitzwasser von meiner Bierflasche verdunstet auf der Stirn. Wir sehen uns lange an, wir reden, ganz normale Sachen, und irgendwann sagt sie:
„I think you’re the same as me. We see things they’ll never see…”

In Milenas Augen kühlen die Niederschläge aus. Wenn sie mich ansieht, schiefergrau, dann ist das eine Einladung näherzutreten, sich einzulassen, wie ein Versprechen. Ich sehe später lange in diese Augen, ich forsche darin nach etwas, das keiner Fragestellung folgt, das Graugrün ist eine Ahnung, aber es gibt mir nicht den geringsten Hinweis. Ich verlaufe mich in diesem Grau, es hat keine auslotbare Tiefe, keinen Grund. Was sie in meinen Augen sieht, frage ich sie nicht. Ich stelle ihr überhaupt keine Fragen und Milena erzählt nichts. Das ist ein nicht abgesprochener Konsens zwischen uns. Letztenendes geht es um mich, und warum das so ist, danach zu fragen bin ich zu müde. Ich lasse sie gewähren. Dinge zerfallen. Die Mitte hält sie nicht. Und eine Enthüllung steht bevor.
„Clemens,“ sagt sie später, „ich glaube, dich kennt kein Mensch. Und weißt du was. Es ist egal. Man muss das gar nicht. Einen Menschen wirklich kennen.“
„Was hast du dir da vorgenommen?“ frage ich sehr ernst. Und sie sagt:
„Nichts. Ich nehme mir nie etwas vor.“
Alles, was mich an Milena skeptisch werden lassen sollte, nehme ich als Wahrheiten. Ihre einfachen Wahrheiten sind für mich wie eine Lehre.
„Und du? Was hilft es dir schon, immer etwas vorzuhaben, immer festzuhalten an irgend so einem Plan?“
„Keine Ahnung.Ich folge meiner Natur?“
„Ach“, sagt sie und macht eine dieser Handbewegungen, die alle wohlüberlegten Postulate wegwischt, „die Natur. Die Natur ist da draussen, in deinem Kopf ist bloss ein riesen Wust.“
Manchmal klingt sie wie Krecek. Nur grobschlächtiger. Mit einemmal erfasst mich die Nachmittagsmüdigkeit, vielleicht ist es das Bier oder die Hitze oder das Mädchen, der Name Rostock flirrt vor meinen Augen bis er nicht mehr zu entziffern ist, ich spüre keine Schläge mehr von den Gleisen, ich sehe nur noch Sonne und das Blau der Sitzbank und Milena, wie sie ihre Augenbrauen zusammenschiebt und den Kopf über mich beugt, die Sonne rechts davon wie bei einem Verhör, wie eine Stablampe, keine Reaktion meiner Pupillen, Tunnelblick, auf Horizont fokussiert. When the music’s over, höre ich es noch in mir, turn off the light…

Man sollte sich nichts vormachen: Die eigentlich wichtigen Begeben-heiten lassen sich nicht erklären, noch nicht einmal beschreiben. Wie war das:
„Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heisst ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau und das eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.“
Der Schnitt, unser Entschluss, Milena, die aufsteht, die Hand an die Notbremse legt und entschieden zieht, die Tür, die hinter uns zuschlägt, als wir vom Trittbrett springen und die Böschung hinunterstolpern, das alles spare ich aus. Ich bin dabei zurechnungs- und handlungsfähig gewesen, ich habe gelacht und dem Zug irgendwas schnoddriges hinterhergerufen, der Schaffner stand mit einem zornigen Gesicht in der Tür und Milena lachte ihn aus. Ich dachte nicht, dass wir die Götter herausfordern in diesem Moment, ich war mir keiner Schuld bewusst, nur einer gewissen Verwegenheit. Einer gewissen Lebendigkeit.
Inversionswetterlage, als wir durch die Felder jagen. Der Himmel dunstig, wie Blei, eine fahle Sonne, blaue Schatten unter den Obstbäumen. Milenas Pferdeschwanz wippt vor meinem Gesicht, sie hat ihre roten Schuhe ausgezogen und läuft barfuss. Die Innenseite ihrer Hand ist feucht, sie hält mich fest, sie zieht mich, wenn ich zu langsam werde. Flucht in Ketten.
Alles um uns herum kommt mir ungeheuer weit vor, als wäre in der letzten Woche eine Brücke über die Ostsee gebaut worden, Direktverbindung Warnemünde-Trelleborg. Wir hatten so lange im stickigen Abteil des Zuges gesessen, das musste schon Schweden sein. Wir waren an Rostock und Malmö und Helsingborg vorbeigefahren ohne es zu bemerken, ohne Halt, sie hatten eine Fototapete von aussen an die Fenster geheftet, damit wir nicht merken, dass wir schon Tage durch den Sareg fahren, zig Meilen von der nächsten Siedlung entfernt. Right in the middle of nowhere.
My iron lung. Ich habe das Gefühl zu verdursten. Milena legt ihre Hand um meinen Nacken und küsst mich. Ich denke nichts dabei. Sie presst ihren Mund auf meinen, als könne sie dadurch meinen Durst stillen. Ihr Mund ist jetzt ganz weich, die kleine aufgesprungene Stelle an ihrer Unterlippe ist bloss noch ein bisschen dunkler, ein bisschen roter. Ich schmecke die Nivea-Creme.
Sie sagt:
„Das hilft.“
Ich sage:
„Nicht wirklich. Aber es ist ein guter Versuch.“
Sie schüttelt leicht mit dem Kopf, als würde ich es nie verstehen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir über den Kuss oder die Creme sprechen. Das hohe Gras schlägt uns an die Waden. Es ist zu heiss zum rauchen.
Auf den Weiden grasen Rot-Bunte und blicken uns blöd hinterher. Wir folgen einem Weg aus breiten Betonplatten. Eine Panzerstrasse, vielleicht sind wir im Sperrgebiet. Der Beton ist aufgebacken, schwarze Dehnungsfugen zwischen den Platten. Das Gras bricht durch. Hier sind schon seit Jahren keine Panzer mehr gefahren. Irgendwann rostige Geschosshülsen im Graben neben der Piste. Mot-Schützen absitzen, wir sind unter Beschuss. Ich kann nicht unterscheiden, ob es Übungsmunition ist oder scharfe. Ich denke an den Stalker, wie er die beiden Wissenschaftler in die verbotene Zone führt, die Landschaft ausgewaschen, in Sepiafarben, feuchte Wiesen, über denen vermeintlich Frieden liegt, nur der Stalker weiss, was die drei erwartet und ermahnt seine Begleiter, dicht bei ihm zu bleiben und auf keinen Fall vom Pfad abzuweichen.
„Volle Deckung!“ ruft Milena und schmeisst sich an die Böschung. Ich hänge noch immer an ihrer Hand und werde mit hinuntergerissen, stürze beinahe auf sie drauf. Milenas Hals bebt vom schnellen atmen. Er glänzt wie die Haut einer Schlange und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob er nicht eigentlich ganz kühl und trocken ist, wenn man ihn berührt. Milenas Mund ist leicht geöffnet, ihre Arme liegen schlaff im Gras, und selbst wenn ich mir der abgeschmackten Ikonografie dieser Situation bewusst bin, kann ich sie nicht brechen und beuge mich über Milena, den Rocksaum über ihren Schenkel schiebend. Der Eigendynamik, die manchen Situationen innewohnt, lässt sich nichts entgegenstellen.

Wenn man lange den Wolken folgt, die über den Nordhimmel getrieben werden, meint man, die Wolken stünden bewegungslos und man selbst triebe auf einer mit Pappeln und Panzerwracks und Rot-Bunten bestückten Scholle unter ihnen lang.
Cumulunimben-Ambosse, die Unterseiten drücken sich flach an die Kondensationsschicht, um sich nach oben bis zur Tropopause obszön aufblähen.
„Und auch den Kuss, ich hätt ihn längst vergessen, wenn nicht die Wolke dagewesen wär. Die weiss ich und werd sie immer wissen. Sie war sehr weiss und kam von oben her.“
Milena leckt ein wenig über ihre Fingerkuppe und reibt Spucke über die aufgeschürfte Stelle an ihrem Unterschenkel. Wir haben den niedergedrückten Stacheldraht nicht bemerkt, er lauerte auf uns, rostig den Erdfarben angepasst, im Gras und riss ihr die Beine blutig. Vermintes Gelände. Milena ist nicht bereit, die Richtung zu ändern. Sie will auch nicht mehr der Piste folgen, sie benimmt sich, als hätte sie einen Kompass und eine eingeschlagene feste Marschrichtung. Sechsundzwanzig Grad Nordnordost oder so was. Bäume oder kleinere Verwerfungen an der Horizontlinie als Ansteuerungspunkte. Sie wischt sich das Blut von den Beinen, schultert ihr Marschgepäck, bestehend aus einem Beutel mit Salat und einem paar roter Schuhe und greift nach meiner Hand, als gälte es einen Verletzten unter keinen Umständen hinter den feindlichen Linien zurückzulassen. Sie strahlt mich an und bestimmt:
„Vamos!“
Ich zögere zu fragen: Wohin eigentlich? und ziehe schweigend die Kameratasche aus dem Staub. Marschier oder stirb. Hinter uns bleibt der zerschossene Panzer zurück. In den Spalten des Geschützturmes hat sich soviel Löss abgelagert, dass kleine Birkensetzlinge herauswachsen.
The snake was pale gold, glazed and shrunken, und obwohl ich hinter Milena gehe, sehe ich die Schlange als erster. Einen knappen Meter links von Milenas Fuss windet sie sich zwischen den warmen Steinen hindurch, erschrickt, als sie uns bemerkt und verharrt reglos wie ein Stück Holz. Ich greife Milenas Arm und ziehe sie heftig zurück, nach rechts, so dass ihre blossen Füsse ausser Reichweite sind. Ich zische:
„Pass auf.“
Milena windet ihren Arm aus meiner Hand, sieht unverständlich zu mir, dann zum Boden, zu dem Punkt, auf den ich zeige.
Ich kenne mich eigentlich aus mit Schlangen. Sie mögen die Sonnenflecken unter den Eschen an Kreceks Anger, trauen sich manchmal bis zum Haus oder zu den Bruchsteinhaufen am Schuppen, wo sie an frischen Morgen träge und scheu ihre Körpertemperatur hochtreiben. Wenn man weiss, wo sie sich verstecken, kann einem nichts passieren. Krecek liess den Schlangen ihre Plätze und wusste sich vor Mäuseplagen sicher.
Milenas straffer Körper ruckt etwas zusammen, dann lacht sie und sagt:
„Ach Clemens. Ist doch bloss ne Blindschleiche.“
Sie stupst mit ihrem schmutzigen grossen Zeh einen Kiesel in Richtung der bewegungslos verharrenden Schlange, die davon aufschreckt und flüchtet. Ich stehe reichlich beschämt daneben und denke noch eine Weile lang, mir sicher gewesen zu sein, eine Natter erkannt zu haben. Es lässt sich nicht mehr aufklären. Unerkannte Gefahren sind keine, würde Milena argumentieren und deshalb verzichte ich auf Gegenansichten.

Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten. Wir fanden uns ganz schön bedeutend…

Milena und ich folgen einem Codex. Wir vollziehen Initiationsriten. Ein Bier, ein Kuss, unsere beiden Orgasmen, es soll Verbindungen herstellen, und wir beeilen uns. Uns bleibt keine Zeit. She acts like the last day on earth. Alles Gewesene und alles, was nicht mehr kommen wird, fällt in diesem einen Augenblick zusammen. Die Stille nach dem Schuss. Die Ruhe vor dem Sturm. Ab dem Zeitpunkt, da ich den Geschmack ihrer Lippen nicht mehr spüre, ist es vorbei.
Unerkannte Gefahren sind keine. Und wenn man beginnt, etwas zu erkennen, oder nicht einmal das, bloss etwas zu erahnen, einen Zweifel aufkommen spürt?
Es ist absurd, aber ich erlebe es: Mit jedem Graben, den Milena und ich hinter uns lassen, nimmt mein Gefühl von Fremdheit zu. Ich stapfe hinter ihr her über Granathülsen und niedrigen Ginster, das Rot ihres Rocks vor Augen, ein Rot, das ihre Hüfte und ihre Schenkel bedeckt, die ich vorhin noch nicht kannte und ihr dennoch vertraute, ihre Hüfte und ihre Schenkel, die mir jetzt fremd und unvertraut sind, obwohl ich meine Hand darauf habe entlanggleiten lassen.
Meine Zuversicht, die doch nie Inhalt hatte, schwindet. Die Befehls-strukturen werden hinterfragt. Milena dreht sich nicht um. Sie hat irgend etwas fest im Blick, etwas, das sie nicht mit mir teilt und das ich beginne anzuzweifeln. Sie könnte bis in den Oderbruch so weiterlaufen oder bis zum Haff, die Schrammen an ihren blossen Knöcheln ignorierend, ich werde sie mit jedem Kilometer, mit jeder Schramme mehr bewundern, aber ich werde ihr irgendwann nicht mehr folgen. Und wenn ich das jetzt schon weiss, warum folge ich ihr dann überhaupt noch?
Ihre Entschlossenheit lässt sich nicht übertragen. Ich bin nicht derjenige. Mag sein, wir teilen etwas, aber ich täusche mich nicht darüber hinweg, dass da zwei einzelne auf der Flucht sind, die ihre Kette bei der ersten Gelegenheit aufmeisseln werden. Als ich mir dessen bewusst werde, am Nachmittag, als die Sonne sich endgültig hinter uns geschoben hat und unsere Schatten neben uns liegen wie eine Kompassnadel, steht mein Entschluss schon fest. Vielleicht ist es nicht einmal ein Entschluss, eher schon ein Versuch: Ich bleibe stehen. Ich bleibe einfach stehen. Setze irgendwann einfach nicht mehr den einen Fuss vor den anderen, sondern daneben, drücke meinen Rücken durch, stütze die Arme in die Seite und warte. Es ist, als würde ich nie wieder in der Lage sein, einen Schritt zu tun, als würde ich hier abgelegt, zurückgelassen, bis Löss und Rost und Birken mich eingenommen haben und ich zu einem Teil der Zone werde. Kann sein, es ist das, was der Stalker weiss, was er verhindern muss, was sich unweigerlich einstellt, wenn die Wissenschaftler stehenbleiben, nicht weiter vordringen in die Zone. Wenn sie auf sich selber gestossen sind, das einzige, was es zu finden gab in der Zone, wo alles andere Requisite ist, eine auswechselbare Leinwand, aus der alle Farben und Eigenheiten getilgt sind.

Not to touch the earth, not to see the sun
Nothing left to do but run, run, run
Let’s run, let’s run

Und dann gehe ich den langen Weg zurück. Ich setze mich kurz um einen Stein aus meinem Schuh zu schütteln, werfe die Tasche über die Schulter und ziehe die Füsse durch das trockene Gras. Es gibt kein eigentliches Ziel, ich will auch nicht zurück, aber gerade das lässt mich eine Richtung einschlagen und halten. Ich sehe Milena rot und leichtfüssig hinter dem Horizont verschwinden, mache unsere Spur aus und setze einen steilen Winkel dazu an, nach Südosten, die untergehende Sonne im Rücken. Irgendwann wird der Schweiss auf meinem Rücken kühl werden. Irgendwann wird mich Müdigkeit überkommen.
Zuerst ist da eine grosse Leere. Es ist nicht schlimm, dass es vorbei ist. Es ist nicht einmal so, dass ich es vermisse. Ich versuche mir noch einmal den Geruch ihrer Nivea-Lippen und die Farbe ihrer feinen Nackenhärchen in Erinnerung zu rufen, aber es gelingt mir schon nicht mehr ganz. Vielleicht habe ich die Nivea nie richtig gerochen. Vielleicht haben die Haare in ihrem Nacken gar keine Farbe.
Was ich mir vornehme: niemals wieder zu riechen ohne zu versuchen, den Geruch festzuhalten. Niemals mehr meinen Kopf in einen Nacken legen ohne jedes der Haare dort zu zählen. Mich zu jedem Geruch, zu jedem Härchen eines Mädchens zugehörig zu fühlen, wenn ich fühle, dass ich es lieben könnte, nicht sofort, aber mit einiger Zeit, und mit Vertrauen.
Ich rufe mich zur Vernunft, indem ich mir die Frage stelle, wie lange wir eigentlich zusammen waren. Man ist schnell versucht zu sagen, ja, es waren bloss ein paar Stunden, aber es war wie eine Ewigkeit, und sowas kommt mir dann doch zu melodramatisch vor, trotz der verständnisvollen Stimmung, Sonnenuntergang mit summenden Nachtinsekten.
Schliesslich falle ich auf dieses Wort: Teruel. Ich kann es nirgendwo gelesen haben und habe es auch Milena gegenüber nicht erwähnt, kann sein, es stand blass auf der Rückseite von einem von Kreceks Fotos oder er hat mit mir darüber gesprochen an einem Abend, der war wie dieser, das Wort klingt in mir wie in einem stickigen, hölzernen Resonanzkörper und bringt mich zum Schwingen: Teruel. Wie ein Hintergrundrauschen. Wie die Zusammenfassung, die Lehre aus diesem ganzen langen Tag, diesem ganzen langen Sommer. Geronnen und verdichtet zu diesem einen Wort, dieser Verheissung. Mit einemmal hat meine südöstliche Richtung ein Ziel, einen Fluchtpunkt in der Tiefe des Raumes, und wenn ich bis Tegel laufen muss…

Now night arrives with her purple legions
Retire now to your tents and your dreams
Tomorrow we enter the town of my birth
I want to be ready…