These smiling eyes are just a mirror for the sun.
[Red Hot Chili Peppers: Roadtrippin’]
Kurz vor Sarrión, als die N 234 sich schon aus den schroffen Bergen herausgewunden glaubt und sich eine weite Hochebene auftut, passiert der Bus eine Unfallstelle. Die Strasse wirft sich an dieser Stelle in eine unvermutete letzte Serpentine, die Fahrbahn fällt jäh nach links ab, bestimmt zwölf Prozent Gefälle, keine Leitplanken, nur ein paar weiss lackierte Pfosten. Im Graben an der Kurvenaussenseite liegt ein verunglückter Renault, die Frontpartie zusammengeschoben und unkenntlich, aus dem Motorblock schlagen kleinere Flammen, die von Löschschaum erstickt werden. Ein Pick Up hat angehalten um zu helfen. Die Männer ziehen die zerschmetterten Körper aus dem Wrack, einer steht, mit beiden Armen winkend, mitten auf der Fahrbahn um herannahende Fahrzeuge zu warnen. Die Verletzten ohne Lebenszeichen, ein Mann, eine Frau und ein kleines Mädchen. Spanische Nebenstrecken sind haarsträubend unzureichend mit Warnschildern ausgezeichnet. Der Morgen war dunstig gewesen. An der Flanke unseres Busses steht in grünen, schräggestellten Grossbuchstaben LA RÁPIDA…
Don’t let me die in an automobile
I wanna lie on an open field…
Teruel liegt eingebettet in die aragonischen Berge wie eine Festung und wie eine Erlösung. Rings herum nichts als ockerfarbene felsige Wände, von Frosterosion zernagt. Temperaturamplituden am Tag wie andernorts zwischen Jahreszeiten. Ich bekomme Nasenbluten von dieser Kombination aus Klimaanlage und Trockenheit. In den Pausen stehe ich auf einem geschotterten Parkplatz und schnaube Blut in zusammengeknülltes Toilettenpapier. Ansonsten fühle ich mich frisch nach der schleimigen Hitze an der Küste. Das Hirn arbeitet geordneter in dieser klar gegliederten nüchternen Landschaft. Meine Michelin-Karte zeigt die Region nach Höhe abgestuft in Grün- und Weisstönen, was mir absurd vorkommt angesichts des Beige-Filters, der über allem liegt. Offenbar stecke ich wieder einmal right in the middle of nowhere.
In der Stadt Betriebsamkeit nach der Siesta. Ich checke im Hostal Aragon ein, das in einer schmalen Gasse unweit der Plaza del Torico versteckt liegt, finde sogar unter Arkaden geduckt eine Caja Rural Provincial de Teruel, wo mir ohne Nachzufragen so viele Peseten ausgehändigt werden wie ich anfordere. Mopeds knattern mitten über den Platz. Ein verloren wirkender Polizist überblickt nachlässig die nachmittägliche Ordnung. Im Schatten der Arkaden stehen alte Spanier, wie man sie in Barcelona oder Madrid nicht mehr findet. Sie tragen das Haar streng nach hinten gekämmt, die Unterarme sind kräftig und schwarz von Haaren, gebügelte Soffhosen und Lederslipper zeugen von Distinktion und einer gesellschaftlichen Position, nach der man sie heute besser nicht mehr fragt.
Das Hostal Aragon wird von Doña Maria geführt. Sie ist über siebzig und verwitwet. Ihr Sohn ist in den Dreissigern und macht die Buchführung, er hat dieses weiche, glattrasierte Gesicht, das Männer, die in Ermangelung einer Ehefrau noch bei ihrer Mutter leben, immer haben. Ein bisschen zu sanft, ein bisschen verhuscht. Seine Hemden sind sämtlichst kariert und ohne den geringsten Knick. Meine Wirtin ist zwei Köpfe kleiner als ihr Sohn, ihr schmaler Rücken beginnt sich unter dem Kleid zu krümmen und geht an kaum ausgeprägten Schultern in zwei knochige, immer angewinkelte Arme über. Doña Maria trägt schon am Morgen viel alten Schmuck, alles in Gold, und scheut sich nicht, ihre stolzen Augenbögen mit einer gehörigen Portion blauem Lidschatten auszumalen, was in ihrem Fall keineswegs lächerlich wirkt. Ich sollte ihr eigentlich suspekt sein, aber sie behandelt mich mit grösster Wertschätzung. Auf ihre Nachfrage hin habe ich erklärt, ich sei hier um eine Diplomarbeit über den Mudejar-Stil zu schreiben. Das muss Eindruck gemacht haben. Mein übriges Gepäck werde mir postlagernd nachgeschickt, wenn ich mich eingerichtet habe in der Stadt. Abends stehe ich reglos unter der Dusche bis meine Haut aufgeweicht ist. Meine Einsamkeit ist raumfüllend und gewollt.
Bevor ich das Zimmer verlasse, stecke ich die Hälfte meines Geldes in eine leere Filmdose und schiebe die Kameratasche verschlossen unter das Bett. Der Filmschacht der Leica bleibt leer. Ich stopfe bloss ein paar Scheine und einiges Münzgeld in die Hosentaschen und schliesse von aussen die Tür über. Ich kaufe zwei strahlend weisse Hemden bei einem alteingesessenen Herrenausstatter, ein Paar hellbrauner Lederschuhe, über deren Halbwertzeit von vielleicht drei Jahren mein Grossvater anklagend den Kopf geschüttelt hätte und ein französisches Schulheft, Clairefontaine, einfach liniert, weil mein Moleskine vollgeschrieben ist. Teruel wie jede beliebige südeuropäische Provinzhauptstadt. Bereits am Mittag kann ich nicht mehr sagen, ob ich einer bestimmten Sache wegen hergekommen bin…
Auf der Michelin-Karte liegt Teruel genau auf dem mittleren waagerechten Knick, so dass man sie, um sich einen Überblick zu verschaffen, ganz auffalten muss, was auf meinem Bett keine Probleme bereitet, beim Autofahren dagegen zu zerknülltem Papier führen muss. 117 Kilometer auf der gewundenen N 234 bis Sagunto, was ein Stück weit nördlich von Valéncia an der Küste liegt. Nach Westen hin die Serranía de Cuenca, Quijotes La Mancha und irgendwann Madrid. Aber davon ist hier nichts zu spüren. Die Hochebene scheint endlos und nur von Flüssen und Schluchten durchzogen. Der Guadalaviar entspringt hier und der Tajo, der, zu nennenswerter Grösse angeschwollen, unterhalb der Mauern Toledos entlang strömt und als Tejo bei Lissabon in den rauen Atlantik mündet. Kernland der Reconquista. Die wenigen Touristen kommen wegen der Bergfestung Albarracín, die sich wie ein Adlerhorst an die schroffen Felsen über dem Guadalaviar klammert. Eine Topografie für einen Guerilla-Kampf. Warum beide Seiten auch sechsunddreissig noch gegen die feindlichen Linien anstürmten wie 1916 und auch dieses mal wieder von den Maxim-Maschinengewehren niedergemäht wurden, bevor sie die Stacheldrahtverhaue vor den Gräben erreichten, will gerade hier nicht einleuchten. Generalstabsplanungen, die mit numerischen Grössen an Menschenmaterial kalkulierten. Wie viel Mann für eine Hügelkuppe? Tausend? Oder Fünfzehnhundert? Wie viel Blut haben diese trockenen Berge aufgesogen? Ich sitze auf der zu weichen Bettkante über die Karte gebeugt und komme mir, auf dem Bleistiftende kauend, selber wie ein Obrist vor, nur dass auf der Michelin-Karte die farbigen Frontverläufe und die Nummern der Bataillone nicht eingezeichnet sind. Stattdessen unpassendes fleckiges Grün und Weiss und ab und an eine blaue Ader mit einem verheissungsvoll klingenden Namen. Nicht weit von Teruel, an einer gelben Strasse aufgereiht, liegen zwei Nachbarorte. Der eine heisst Mora de Rubielos, der andere, kaum fünfzehn Kilometer weiter, wie eine Spiegelung des ersten Rubielos de Mora.
In Ibsens Dramen, lese ich in einer deutschen Zeitung unter den schattigen Arkaden der siestaleeren Plaza, liegt der eigentliche Protagonist immer in der Nebenfigur des Arztes verschlüsselt. Er ist der besonnene Hüter eines Geheimnisses, das, wiewohl moralisch verwerflich, nicht aufgeklärt werden darf, weil dadurch die Integrität der Gesellschaft erschüttert würde. Es gilt stattdessen, mit der Scham zu leben und darüber zu schweigen, um Schlimmeres zu verhindern und ein gewisses Mass an Unschuld zu wahren. Ibsens männliche Hauptpersonen sind Wahrheitsfanatiker. In der Annahme, die verkrusteten Strukturen der Väter aufbrechen stürzen sie das fragile Kartenhaus des einvernehmlichen Schweigens mit ihrem Unbedingt-heitsanspruch um. Die darunter leiden sind die Unschuldigen und Geliebten. Die Dialektik der Aufklärung…
Ich stehe auf Kreceks stickigem Dachboden um die Wildente zu erlegen.
I will hold the candle
Til it burns up my arm
I’ll keep taking punches
Til the will grows tired
I will stare the sun down
Until my eyes go blind
I won’t change direction
I won’t change my mind
…How much difference does it make
Gegen Mittag, bevor die ungefilterte Sonne die Gassen aufheizt, gehe ich in die Bar Gregory. Meine Schritte hallen in der Salvador, werden von den Mudejar-Kacheln des maurischen Turmes zurückgeworfen, bevor ich die Ledersohlen meiner bald eingelaufenen Schuhe auf die glutheissen Platten des Paseo del Óvalo setze. Zwielicht und Ventilatorenrauschen in der Bar. Die schweigsamen Kellner hinter der hohen Stahltheke spülen mit aufgekrempelten Ärmeln Gläser. Ich lasse mir die tapas del dia zeigen und trinke tinto verano. Auf den Platten liegen in Weinblätter gewickelte Fleischbällchen und gefüllte Paprika, Ziegenkäse und Serrano.
„Ihr habt komische Begriffe für euer Essen,“ sage ich, „ihr unterscheidet zwischen Tee und infusión, aber alle diese unterschiedlichen eingelegten Käse und Champignons und Gemüse heissen bloss tapas.“
„Kannst recht haben,“ lächeln die Kellner vom Gregory verschwörerisch, „aber überleg mal: Du kommst doch nicht auf die Idee, dir einen té und eine infusión de manzanilla zusammen zu bestellen, aber hier sitzt du und hast lauter Teller mit Tapas vor dir, weil dir eine einzige Sorte viel zu langweilig wäre, nicht?“
Darauf lässt sich nichts entgegnen. Ich frage sie nach ihren Namen. Raul und Joaquín sind Schwager, ausserdem arbeitet noch Estéban, der nicht aus Teruel ist und die Gäste draussen an den Tischen auf dem Gehweg bedient. Ab und an bittet er die Leute am Tresen zurückzutreten und fegt die zusammengeknüllten Papierservietten zusammen. Sie sagen, es kämen bloss Stammgäste zur Mittagspause, die wenigen Touristen, die im nahegelegenen Drei-Sterne-Hotel Reina Cristina absteigen, mieden die Plastiktische und Spielautomaten der Bar Gregory und gingen abends in die guten Restaurants.
Im Schaufenster eines Geschäfts neben der Bar sind alte Schwarz-Weiss-Fotografien ausgestellt, die Teruel, kaum anders als heute, in den dreissiger Jahren zeigen. Über der Apotheke an der breiten Plaza ist noch nicht das grün leuchtende Kreuz angebracht und die Menschen sind traditioneller gekleidet, ansonsten kaum Unterschiede. Arkaden, die casas modernistas der Jahrhundertwende, gusseiserne Gaslampen, die heute elektrisch beleuchtet sind. Durch die Strassen der Altstadt werden Stiere getrieben, in kleinerem Stil als in Pamplona, aber nicht weniger gefährlich. Krisengeschüttelte aber noch verhältnismässig friedliche Zeiten. Franco kommandierte eine Brigade in Marokko und mein Grossvater hütete magere Kühe auf dem elterlichen Hof in der Tschechoslowakei.
Die Stadt selbst scheint bei der Schlacht kaum beschädigt worden zu sein, kein Artilleriefeldwebel nahm je einen der mittelalterlichen Türme oder die Kathedrale unter Beschuss. Die Geschichte muss vor den Toren der Stadt vorbeigezogen sein ohne Spuren zu hinterlassen. Was hatte ich erwartet? Konservierte Ruinen? Gedenksteine? Die Geschichte manifestiert sich im Gedächtnis der Dabeigewesenen, und die wirken merkwürdig unbelastet und gegenwartsbezogen.
Das Gedächtnis der Menschen ist das Vermögen, die Vergangenheit den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechend umzudeuten.
Estéban kommt zu mir an die Theke, als ich nach dem Mittagessen einen 103 trinke, er hat den Besen in der Hand und ein fleckiges Handtuch in den Hosenbund gesteckt.
„Eh, Clemens, hast du Lust, am Wochenende mit uns zum Motorradtreffen zu gehen, ich bin mit ein paar Freunden und meiner Maschine da.“
Estéban fährt eine Moto Guzzi, er hatte mir davon erzählt. Das Motorrad ist sein ganzer Stolz, jede Pesete, die er verdient, steckt er hinein, er sagt, er brauche sonst nichts zum Leben.
„Ihr habt hier ein Motorradtreffen?“ frage ich.
Die drei strecken ihre Brust raus und drücken die Nase etwas hoch.
„Das grösste von ganz Spanien“, erklärt Raul. „Alle kommen über die Berge hier nach Teruel nächstes Wochenende.“
„Es sind auch viele Deutsche da, die fahren extra jedes Jahr dafür nach Spanien.“
„Und haben alle eine BMW. Die fahren nichts anderes.“
„Und wie sie die wienern den ganzen Tag, haben immer einen Lappen in der Hand und wischen die Staubkörner von den Zylinderköpfen.“
„Sind aber auch fantastische Maschinen“, erklärt Raul und provoziert Estébans Unmut.
„Eh, vielleicht machen sie nicht so viele Macken wie meine alte Moto Guzzi, aber es steckt keine Seele in so einer BMW, die du frisch von der Stange kaufst und zu deinem grossen Wagen in die Garage stellst.“
„Ja“, sage ich nüchtern, „so sind wir Deutschen.“
„Also, du kommst“, entscheidet Estéban, „lass uns Freitag Abend am Torre de San Martin treffen, ich komme mit dem Motorrad.“
Ich bin kein Motorradtyp. Ich hatte als Junge kein Moped, habe nach der Wende nur einen Autoführerschein gemacht, und auch wenn ich 80er damit fahren darf, ich habe kein einziges mal auf einer gesessen. Leipzig ist auch nicht die Stadt dafür. Lange Tangenten, die Ausfallstrassen schnurgerade und eine flache, vom Tagebau zerfurchte Landschaft drum herum. Wie Teruel voller Motorräder aussehen wird, lässt sich schlecht vorstellen. Die Gassen und Kopfsteinpflasterplätze sind Vespa-Terrain.
Mir fällt mein XM in der Schenkendorfstrasse ein. Hoffentlich hält die Fassade des Abbruchhauses noch eine Weile, sonst begräbt der Schuppen den Wagen samt Katze unter einem Geröllberg. Würde mich das wirklich erschüttern?
Krecek wurde beim Anblick von grossen Motorrädern zu einem kleinen Jungen. Er konnte über die Vorteile von luftgekühlten Zweizylinder- gegenüber wassergekühlten Vierzylindermotoren referieren und das Baujahr jeder alten MZ erkennen. Jedenfalls hatte er nie genug Geld um sich eine eigene Maschine leisten zu können. Im Sommer 1960 war er mit einem Freund im Beiwagen noch einmal durch Westdeutschland gefahren. Was sie dort sahen, schien sie nicht überzeugt zu haben, trotz der Vorbehalte, die sie unserem System gegenüber hatten. Sie kamen nach ihrer Erkundungsreise zurück, um sich im Jahr darauf einschliessen zu lassen. Seitdem hängt ein Foto von den beiden hinter zerkratztem Glas an der Küchenwand. Lachende schmutzige Gesichter unter Lederhauben, im Hintergrund unscharf die Loreley, wo sie mit amerikanischen Besatzungssoldaten zusammen Golfbälle über den Rhein geschlagen hatten.
Under neon loneliness
Motorcycle emptiness
Das Mittelalter manifestiert sich in Teruel stärker als das zuende gehende zwanzigste Jahrhundert. Die abgeschlossene Epoche der arabischen Herrschaft wird herausgeputzt und offen zur Schau gestellt, während die schwärenden Wunden der unverarbeiteten Diktatur notdürftig bandagiert unter dem Mull nicht verheilen können.
Ich finde in den Archiven des Museo Provincial und dem Archivo Histórico nur spärliche Spuren. Ein paar wenig ergiebige Dokumente, Papierzeug, kaum Fotografien. Der Raum ist fensterlos und stickig. Die Mitarbeiterin erweist sich als sehr hilfsbereit, sobald ich meine Diplomarbeit als fadenscheinige Ausrede erwähne.
„Es kommen nicht viele Historiker, die danach fragen“, lächelt sie verlegen, „im Übrigen…“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Im Übrigen liegen die meisten Akten seit einem Jahr in Madrid. Sie haben alles abgeholt.“
„Ach“, stutze ich, „wird daran gearbeitet?“
„Ich glaube. Es gibt seit einiger Zeit eine Kommission, die sich mit der Franco-Zeit beschäftigt. Es kommt auch immer wieder zu Prozessen gegen ehemalige Militärs.“
„Wegen Kriegsverbrechen?“
„Auch. Viele Geschichten werden da ausgegraben. Es sind auch nicht alle aus der Bevölkerung damit einverstanden. Wissen Sie, da kommt vieles hoch, was vielleicht besser unerforscht geblieben wäre. Schliesslich leben noch viele Menschen aus der Zeit, und sie leben ganz gut, auch ohne all die Fragen…“
Als ich nachbohren will, verspricht sie, mir einige Zeitungsartikel herauszusuchen, über die Abkehr von der Politik der transición.
Die Rua Mariano Muñoz ist gerade einmal drei, vielleicht dreieinhalb Meter breit. Wenn die schmalen Fenster im Haus gegenüber nicht mit Gardinen und Terracottakübeln zugehängt wären, könnte ich alles, was sich in den eng geschnittenen Wohnungen abspielt, beobachten. Über der Drogueria J. Lozano wohnt hinter Geranien versteckt ein Mädchen. Ich sehe sie, wenn sie morgens auf dem gefliesten Balkon steht und eine Zigarette raucht. Sie trägt ein weisses T-Shirt, in dem sie wohl schläft, und die dunklen Haare hängen lang auf die gusseiserne Brüstung herab, wenn sie sich runterbeugt um jemanden auf der Strasse zu grüssen. Ich sitze kaum vier Meter entfernt, aber sie kann mich nicht sehen, weil ich die Vorhänge zugezogen habe. Der halb durchsichtige Stoff wiegt sich bedächtig im Wind, der durch die offene Balkontür hereinstreicht. Im Waschbecken neben dem Fenster liegen im kalten Wasser ein paar Flaschen San Miguel. Mein Kühlschrank. Die Zähne putze ich mir unter der Dusche. Die Bieretiketten haben sich abgelöst und treiben auf der schlierigen Wasseroberfläche. Ich überlege, wo ich meine Zigarette abaschen kann. Der Vorhang ist zugezogen und im Waschbecken schwimmt mein Bier. Ich plane schon kubanisch zu rauchen und die Zigarette steil nach oben zu halten ohne abzuaschen, aber dann finde ich unter dem Bett noch eine leere Flasche. Das Mädchen schnippt ihre Kippe auf die Gasse, reckt beide Arme nach oben um sich zu strecken und geht barfuss wieder in die Wohnung. Ihre Tür schliesst schlecht. Gestern Abend, als die Kälte von den Bergen in die Stadt kroch, schob sie beide Flügel zu, aber der Knauf ist sehr schwergängig, vielleicht ist das Metall verzogen oder der Holzrahmen greift nicht mehr richtig in der Einfassung. Das Mädchen stemmte ein Bein gegen den Türflügel und drückte den Knauf mit Kraft rüber. Sie hat sehr schöne, lange Hände und ihr T-Shirt spannt sich über einen straffen Körper. Weiter denke ich nicht.
Teruel bereitet sich auf das Motorradtreffen vor. Die Kellner im Cafe an der Plaza del Torico werfen den Kopf zum Himmel, wenn ich sie darauf anspreche, sie werden viel zu tun haben am Wochenende und hoffen, dass das Mobiliar auf dem Gehweg heil bleibt. Ich trinke einen café con leche während sich die Sonne über das Dachfirst des Casa de la Madrileña schiebt, hole etwas Serrano-Schinken und gehe zum Archivo Histórico, wo mir die Bibliothekarin, als sie mich zur Tür reinkommen sieht, eine rote Mappe reicht.
„Sehen Sie, ich habe Ihre Artikel. Gut, dass Sie nicht früher gekommen sind, ich musste den halben Morgen über stöbern.“
Ich bedanke mich und setze mich an den Tisch im rückwärtigen Teil des Raumes. Sie hat sich viel Mühe gemacht, die Artikel sind sauber kopiert, mit Datum versehen und in einen Hefter gelegt, auf den sie mit Schreibmaschine PORTFÓLIO TRANSICIÓN geschrieben hat.
Es ist ein Portfolio des Grauens. Ich hätte das nicht erwartet. Ich stosse auf Listen mit Ortsnamen, Städte, in denen Massengräber freigelegt wurden: Priaranza del Bierzo, Avila, Burgos, Aranda de Duero, Badajoz. Dahinter, in Klammern, die grob geschätzte Zahl der von Anthropologen und Forensikern gefundenen und in manchen Fällen schon ermittelten Opfer. In Aranda de Duero, in einem Pinienhain ausserhalb des Dorfes: 56 Erschossene. In Badajoz stiess man auf ein Massengrab mit fast 2000 Toten, es ist eines von vielen in Andalusien. Insgesamt schätzt man die Zahl der in der spanischen Erde verscharrten Republikaner auf 30000. Antonio hatte mich in Barcelona gewarnt. In Spanien, hatte er linkisch gesagt, liegen mehr Tote ausserhalb der Friedhofsmauern als innerhalb.
Ich lese Interviews mit dem Grabungsleiter und Direktor des Archäologischen Instituts der Universität Burgos und mit Emilio Silva, dem Journalisten, der als erster auf dieses Thema aufmerksam wurde und in einem Dorf in León die ersten Leichen exhumieren liess. Ein alter Bewohner hatte ihm von den dreizehn rojos berichtet, die dort nahe einer Kirschbaumplantage von Falangisten erschossen worden waren.
Ich bleibe an Wörtern wie Denunziation und Genickschuss hängen, an der Feststellung, dass in Spanien nach dem Tod des Caudillo die Gleichung Amnesie gleich Amnestie errechnet wurde (davon hatte auch Antonio erzählt), eine Art Sozialvertrag, aufgrund dessen sich über zwanzig Jahre lang kein Mörder vor einem spanischen Gericht verantworten musste. Eine Kultur ohne Gedächtnis, eine Demokratie, die ihre eigene jüngste Vergangenheit amputiert hat, aus Angst vor dem Rückfall in den totalitären Staat. Ein nationales Trauma.
In den andalusischen Dörfern wohnen die Alten Tür an Tür und sprechen nicht über die Erschossenen, die verscharrt in der trockenen Erde unter den Oliven liegen. Ein Pakt des Schweigens. Bald wie ein Sakrament. Vielleicht haben sie ja recht. Lass die Toten ruhen, sagen sie, auch wenn sie gerade nichts sagen.
Los cien enamorados
duermen para siempre
bajo la tierra seca.
Andalucía tiene
largos caminos rojos.
Córdoba, olivos verdes
donde poner cien cruces,
que los recuerden.
Los cien enamorados
duermen para siempre.
Die Nacht wirft ein kaltes schwarzes Tuch über die Hochebene und die angestrahlten Torres an den Stadttoren. Ich treibe mir eine frische Klinge in die Wange, das Blut rinnt dünn über mein eingeschäumtes Kinn und tropft in das Waschbecken. Wie Amarettoeis. Ich lasse den Arm mit dem Rasierer sinken und starre mich im Spiegel an. Meine Augen sind aufgerissen und von der Bergluft ausgetrocknet. Augen, die viel sehen müssen, mehr, als ich vielleicht verarbeiten kann mit meinem trägen Hirn. Augen, die dieselbe Farbe haben wie Kreceks, die dasselbe sehen wie Krecek, eine Stadt, siebenhundert Jahre alte Türme, Millionen Jahre alte Berge. Aragonische Berge. Spanisches Kernland. Ort einer Entscheidung. Hier wurde über sein Leben entschieden, und es wäre die Frage zu stellen, ob dies auch der Ort meiner Bewährung ist. Ob hier etwas redigiert wird in dieser Woche, etwas neu justiert, was sechsundzwanzig Jahre lang nur nach Aussen funktioniert hat, und auch das nicht eben reibungslos. Eine Art zu leben, die selbstreferenziell war. Ein Solipsismus, ein Rückzug in die eigene Vorstellungswelt. Ich kann nicht länger sichere Aussagen treffen, alles ist blosse Auslegung. Keine Gewissheiten mehr. Ich bin porös geworden. Jeder erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält…
Mich fröstelt. Vor der Balkontür steht die Nacht, die keine Ruhe bringt, die Stoffbahnen bauschen sich im Wind, keine Insekten. Ich drehe den Hahn auf und wasche mir Rasierschaumreste und Blut aus dem Gesicht. Der Automatismus dieser Bewegung erdet mich. Ich sinke auf die Bettkante.
Neujustierung. Die Pfade, auf denen ich mich bewege, sind ausgetretene, ich folge ihnen in umgekehrter Reihenfolge, Deutschland, Barcelona, Teruel, wie eine Flucht, ein Exil ohne genaue Positionierung. Wenn Heimat einmal in Frage gestellt ist, findet man an keinem Ort mehr Ruhe. Alles Transit. Ich kann, wenn ich alle vermeintlichen Aufgaben weglasse, meine Situation mit sehr wenigen Worten schildern: ein billiges Hotel, eine Kameratasche, neue Hemden, neue Schuhe, spanische Drogerieartikel, ein paar Notizhefte und ein Karton alter Fotos, die nicht recht in die Reihe passen wollen. Ich hätte den Karton schon in die hohen Gräser schleudern sollen, als ich Milena ziehen liess. Sie sind bloss noch Ballast, eine Mahnung, meiner unsinnig gewordenen Mission zu folgen.
Morgen früh werde ich im Archivo Histórico das Dossier KRECEK ausgehändigt bekommen, es kommt über nächtliche Postwege aus dem Magazin irgendeines Madrider Ministeriums, um von mir, einem Berechtigten, in Empfang genommen und eingesehen zu werden. Ich weiss schon, was ich dort lesen werde, es wird eine späte Aufklärung sein, die keine ist, weil ich das Ende, das eigentlich der Anfang war, bereits kenne. Ich gehe einen Weg zuende, dessen Ziel ich schon einsehen kann, obwohl mir das, was ich dort sehe, nicht gefällt. Es macht mir Angst. Ich werde in dem, was ich morgen lesen werde über meinen Grossvater Jirzi Krecek auch mich erkennen, weit mehr als mir lieb ist.
Die Geschichte meines Grossvaters ist meine eigene. Die Waffe meines Grossvaters war der Zynismus. Meine Waffe war die Gleichgültigkeit, das Gefühl, nein, die Überzeugung, nicht dazugehören zu müssen. Eine Überzeugung, die mir eingeimpft worden war, ein Verfahren wie bei jeder Ideologie. Unconcerned. And indifferent. Ich bin immer nur ein Zaungast gewesen, der Untertitel schrieb zu einer Welt, die ich wie einen Stummfilm sah. Aus welchem Wissen heraus?
Ich bin bis in die Todeszone vorgestossen, über sorgfältig angelegte Basislager. Jetzt stehe ich unterhalb des Gipfelkamms, kein Rückhalt mehr, und ich weiss nicht, ob das Wetter halten wird. In einer Höhe über 5800 Meter findet auch an Ruhetagen keine Regeneration des Körpers mehr statt…
Let the ocean dissolve way my past
Three days maybe longer
Won’t even know I’ve left
Let the sun climb burn away my mask
Three days maybe longer
Let my spirit pass
Am Morgen, als ich über die steile Treppe und an der dunkel gebeizten Rezeption vorbei zur Tür raus will, ruft Doña Maria nach mir. Señor Krecek, ruft sie, und ihre Stimme wird etwas schrill, wenn sie anschwillt, weil meine Wirtin eine sehr stille Frau ist. Sie spricht das c in meinem Namen wie ein z und nicht wie ein scharfes tsch.
„Señor Krecek, hay una carta para usted.“
Sie hält eine bunte Postkarte in ihrer pergamentenen Hand.
„Hmm“, mache ich und gehe auf sie zu, „una carta? De quien?“
Sie antwortet, meine Frage nicht gerade sachgemäss erwidernd:
„Es de Barcelona. Ves? Es la Piscina Picornell.”
Ich nehme die Karte, drehe sie mehrmals um, erst auf die beschriftete Seite, dann wieder auf das Foto mit dem Schwimmbad, und sage:
„Ah, si, conosco.“
Sie ist von Antonio.
Ich bedanke mich bei Doña Maria, schlenkere mit der Karte wie mit einem andalusischen Fächer und trete dann auf die Strasse ohne sie einzustecken. Ich lese sie erst an der Plaza Maior, als ich auf meinen cafe doble warte.
Antonio berichtet, dass er gerade Nachtschicht im Hostal hat, nur ein paar bekiffte Skandinavier auf den abgewetzten Sesseln im Patio, da schreibt er mir mal, wird ja sonst schliesslich niemand tun. Er war das Wochenende über mit ein paar Freunden segeln, an der Küste runter bis Tarragona und dann mit einem Schlenker über die offene See zurück. Sie mussten viel kreuzen nach Norden hin, weil der Wind schlecht stand. Weißt du, schreibt er dann, es ist bald wie bei dir: ein bisschen Flaute, kreuzen gegen den Wind und alles offshore, ohne die Küstenlinie sehen zu können. Da muss man gehörig aufpassen, dass man den Kurs hält, du stehst zwei Tage am Ruder und hast nur unruhige Wolken und Schaumkronen, kein Punkt am Horizont, auf den du zusteuern kannst. Da brauchst du mächtig viel Gespür für die Dünung und darfst dir nie einbilden, das Schiff zu kontrollieren. Eigentlich kontrollierst du gar nichts, das Meer duldet dich nur und du musst bescheiden sein und dich arrangieren…
An der südlichen Seite der Plaza hat ein lokaler Radiosender einen riesigen Truck postiert. Der Anhänger lässt sich, wenn man die Seitenwand aufklappt, in eine Bühne verwandeln. Roadies verkabeln mächtige Lautsprecher und kurbeln unter dem Auflieger die Stützen runter. Die 16-jährigen probieren Wheelies mit ihren gelben Enduros. Am Abend wird sehr viel mehr Hubraum die Häuserfronten erbeben lassen.
Die Akte KRECEK liegt versiegelt in einem braunen Kuvert voller Stempel. Ein Kurierdienst hat sie vor einer knappen halben Stunde zur Tür reingebracht. Die Bibliothekarin sieht mich etwas betroffen an und bietet mir ihr stilles Büro im ersten Stock an. Ich steige die Treppe hoch als würde ich einen Beutel Müll raustragen. Oben reisse ich das Kuvert auf, quer über die ministerialen Stempel hinweg.
Ich lese dasselbe Dokument, das Krecek zugestellt wurde, laut Aktenzeichen etwa Anfang Juli: eine Anklageschrift. Es würden nach bald sechzig Jahren Ermittlungen geführt gegen eine Gruppe ehemaliger Rotgardisten, Spanier darunter und eben auch Mitglieder der Internationalen Brigaden, weshalb das Haager Kriegsverbrecher-tribunal eingeschaltet wurde. Dann folgt eine Mappe mit Indizien, Tatbeschreibungen und Zeugenaussagen, die Schilderung einer Begebenheit, die sich in der Gegend um Teruel abgespielt haben soll („en el campo“) und die doch ortslos ist, eine Geschichte wie aus jedem dreckigen Krieg, das schlampig ausgeführte Handwerk des Tötens.
Die Einheit meines Grossvaters kam im verregneten Frühjahr 1938 in das Dorf Rubielos de Mora, etwa sechzig Kilometer östlich der Stadt, und suchte nach faschistischen Kollaborateuren. Sie gingen in jedes der niedrigen weissen Häuser und durchsuchten es. Die Männer wurden auf dem Platz zusammengetrieben. In einigen Häusern fand man Blauhemden mit dem Pfeilkreuzemblem der Falange. Die Besitzer waren von den eigenen Nachbarn denunziert worden. Es gab lediglich eine kurze Anhörung, dann führten die Soldaten acht Bauern über einen schmalen Pfad in ein Waldstück. Die Männer mussten die Arme hinter dem Kopf verschränken und spürten die Gewehre in ihrem Rücken. Die Morgenluft schob sich frisch unter die Hemden. Als sie tief genug im Pinienwald angelangt waren, schoss mein Grossvater jedem eine Kugel ins Genick. Die Schüsse hallten durch das Tal bis zum Dorf. Später am Tag trugen die Soldaten den Leuten im Nachbardorf auf, die Exekutierten zu begraben. Sie selber zogen hastig weiter, Francos Truppen setzten den geschlagenen Republikanern noch ein Jahr lang unnachgiebig nach, bis zum Ende in Barcelona.
Laut der späten Zeugenaussage eines Überlebenden habe mein Grossvater, der der Jüngste in seiner Gruppe war, auf Befehl gehandelt. Er habe sich in der Einheit beweisen sollen. Nichtsdestotrotz habe er den Befehl ausgeführt ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Kaltblütig, wie es in dem Bericht heisst. Er glaubte sich im Recht. Schliesslich handelte es sich um Feinde, um Faschisten. No passarán!
Letzten Endes hat mein Grossvater gar nicht mich belogen. Alles, was er mir eingeimpft hat an Skepsis gegenüber den Mächtigen, hat er selber gelebt und geglaubt. Wahrscheinlich hat er sich nicht einmal etwas vorgeworfen, sich nicht geschämt, als er aus dem verlorenen Krieg zurückkam. Er stand an seiner Bahnschranke, liess die D-Züge nach Rostock und Berlin an sich vorbeirauschen, und in diesen Momenten war sein fernes Spanien zusammengeschmolzen auf die Erinnerung an seinen Freund Capa, einen leergefegten weissen Himmel und ein paar Poeme von Garcia Lorca.
Er hatte sich selbst belogen. Die Morde nach der Niederlage vor Teruel waren die Grundlüge seines Lebens, und alles was danach kam, war durch die Initiation von Anfang an dazu verurteilt im Kern zu faulen. Möglich auch, dass er die Tat selbst sechzig Jahre später noch rechtfertigte und den Brief aus Madrid als Siegerjustiz empfand. Die Faschisten, so wird er gedacht haben, hatten ihn doch noch erwischt, selbst in seinem beschaulichen Mecklenburg.
Mein schweigsamer Grossvater. Ich kann mich unmöglich dazu durchringen ihn zu hassen. Er hat getan, was die Lehre dieses Jahrhunderts war: seine Vergangenheit den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechend umzudeuten. Er tut mir leid. Die sechsundachtzig Jahre seines Lebens hatte er einer Lüge verschrieben. Einer Lüge, die ihn schliesslich im Juli einholte. Und die letzten sechsundzwanzig Jahre hat er, das glaube ich ihm, für mich gelebt, obwohl ich ihm deswegen nicht eben dankbar sein kann. Es ist wohl so, dass wir beide mir in diesem Moment leid tun. Er hatte mir beigebracht, den Angepassten, Willfähigen überlegen zu sein, durch Stolz, durch Revolte. Wenn ich mit ihm auf seinem Land die Bäume schnitt oder einen vermoderten Zaunpfahl ausgrub, fühlte ich diesen Stolz und diese Überlegenheit. Geh mir aus der Sonne. Vielleicht ist es ganz gut, wenn sich ab und an jemand vor die Sonne schiebt. Die Pupillen verengen, und man nimmt auch die feinen Grauabstufungen im Schatten wahr. Das Bild wird feinkörniger. Und die den Schatten kennen, gestehen sich eher Scham zu.
Es gibt keine Antworten. Nur Deutungen.
Die Akte Jirzi Krecek wird geschlossen werden. Es wird keine Verhandlung geben, nicht in Madrid und nicht in Den Haag. Krecek hat sich den Ermittlungen durch Selbstmord entzogen. Sich selbst gerichtet, wie man das früher genannt hat.
Und was fange ich mit meiner persönlichen Akte Krecek an? Kann ich sie schliessen und mehr oder weniger unaufgeklärt in einen Stahlschrank legen? Zu einem Alltag, den ich mir nicht recht vorstellen kann, übergehen? Wir wissen, dass wir Vorläufige sind. Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.
Bestandsaufnahme: eine Kameratasche wie eine Bürde, neue Hemden, eine Vergangenheit, die ich von mir schiebe. Meine Haut ist braun, die Haare blonder als in Deutschland. Es gibt nichts zu bereuen. Ich könnte alles machen. Raul und Joaquín würden mir sicherlich einen Job in der Gregory verschaffen, ich könnte einfach hier hängenbleiben, mir ein Radio ins Zimmer stellen, wo den ganzen Tag über spanische Nachrichten laufen, ich würde meine Minidiscs bespielen mit Bossa Nova und vielleicht irgendwas altem arabischen, würde die Menütaste auf ERASE stellen und die MDs überspielen wie ein mittelalterliches Palimpsest, altes, verbrauchtes durch neues ersetzen, ein rein praktischer Vorgang, sparsamer Umgang mit Ressourcen, muss man sich dabei nicht fühlen, als würde man etwas verdrängen oder dem Vergessen preisgeben. Alles im Fluss.
Doña Maria könnte mir am Montag die Rechnung machen, ich könnte am Wochenende nach einem günstigen Zimmer suchen, vielleicht brauchen sie einen Übersetzer ins Deutsche oder Französische, Malmö ist unendlich weit und ausserdem abgelaufen, meine Nachtschichten in Leipzig verwaist, der XM kann von mir aus unter Schutt begraben liegen oder von ein paar Crash-Kids gegen einen Alleebaum gesetzt worden sein.
In a fast german car I’m amazed that I survived
An airbag saved my life
Ich plane eine transición. Ich brauche einen sanften Übergang zu einem noch unsicheren neuen Leben. Das Gefühl, das ich dabei habe: Wenn das hier ein Film wäre, dann würde jetzt die letzte Einstellung kommen und dann der Abspann. Fin. Showdown, Happy End, offener Schluss, wie auch immer, jedenfalls müssen einige Fragen nicht wirklich gelöst sein, man setzt einfach einen Schlusstrich und entlässt den Zuschauer in die Nacht. Die Tage, die jetzt anstehen, werden mir vorkommen wie ein Anhängsel. Nichts von Bedeutung, trotz der transición. Ich fühle mich wie übriggeblieben. Vielleicht sollte ich die Weimaraner zu mir holen.
An der verwinkelten Häuserecke zur Mariano Muñoz steht ein Kranken-wagen. Die Gasse ist zu schmal, so dass die Sanitäter mit einer Bahre bis zum Hostal Aragon vorgelaufen sind. Es ist nichts Ernstes, wird mir versichert, Doña Maria habe nur einen Schwächeanfall erlitten, sie behielten sie für ein paar Tage zur Untersuchung im Krankenhaus. Ansonsten eine Vitaminspritze und Ruhe. Sie fahren los, ohne das Blaulicht einzuschalten. Ich trinke dann einen Jerez mit ihrem Sohn, der fahrig wirkt. Wir stehen im Wohnzimmer im ersten Stock des Hotels, im Fernseher der Kopf von Aznar, und Doña Marias Sohn läuft im Raum herum wie ein Tiger. Mir fällt ein, dass ich ihn nie nach seinem Namen gefragt habe. Er giesst sich noch einmal nach, hält mir die Flasche fragend hin, aber ich verneine mit einem leichten Kopfschütteln. Ich komme mir etwas unbeholfen vor, wie ich zwischen den dunklen Möbeln stehe und unschlüssig mein leeres Glas in der Hand drehe. Ich möchte ihn aber auch nicht am Arm packen, damit er zur Ruhe kommt. Mir fällt nichts Schlaues ein. Schliesslich läuft es umgekehrt und er fragt mich nach meiner Mutter. Doch, doch, sage ich, sie lebt in Leipzig und ist Floristin, nein, kein Mann, sie ist allein. Die anschliessende Frage nach meinem Vater umgehe ich. Doña Marias Sohn betrachtet dann versonnen den Fernseher, scheint aber an etwas anderes zu denken. Vielleicht ist er sich unseres Unterschiedes bewusst. Und bemerkt, dass er allein in der grossen alten Wohnung ist, die nächsten Tage über. Als ich mich verabschieden will und das Whiskyglas auf das Buffet stelle, fragt er noch, wie lange ich das Zimmer haben möchte. Ich sage: bis Montag.
Estébans Moto Guzzi ist rot wie eine Moto Guzzi sein muss. Er trägt eine Lederjacke mit einem Norton-Aufnäher am Ärmel. Nortons, erklärt er mir, seien schwer zu finden, und die Ersatzteilbeschaffung gestalte sich immer schwieriger. Mit der Moto Guzzi laufe es besser, auch wenn sie einen Grossteil seines Geldes verschlinge. Estéban tätschelt den abgewetzten Sitz. Quer über den Lenker ist eine räudige zusammengerollte Decke geschnallt. „Falls ich nachher nicht mehr nach Hause finde“, flachst er. Manchmal hat er so einen ungestümen und doch scheuen Blick, wie der junge Alain Delon.
An der Stirnseite der Plaza stehen chromblitzend zwei 1150er BMWs mit Alukoffern und Tübinger Kennzeichen. Als ich Estéban drauf hinweise, verdreht er nur abschätzig die Augen. Die Strassenlampen giessen gelbes Licht über die spiegelnden Motorräder. Wir reden über Peter Fonda, über Zen und über die Kunst ein Motorrad zu warten. Ich bin schon nach einer halben Stunde betrunken. Estéban läuft, sobald unsere Plastikbecher halb leer sind, zum Truck rüber, wo Freibier ausgeschenkt wird. Aus den Boxen dröhnt „Smoke on the Water“. Auch die Polizisten trinken. An ihren Gürteln hängen Walkie Talkies, aus denen ein Rauschen von verzerrten Stimmen kommt, das unbeantwortet bleibt. Estéban und ich lassen uns treiben. Er schliesst sein Motorrad ab, nimmt mich am Arm und schleift mich durch die Gassen. Irgendwo stopfen wir süsse churros in uns hinein bis ich beinahe kotzen muss. Venga, ruft Estéban, wenn ich mich an eine Wand stütze. Er steht an der Ecke, seine Hüfte knickt leicht ein, eine Silberkette hängt schwer aus seiner Gesässtasche. Ich bin grenzenlos überfordert. Wohl dem, der jetzt noch eine Heimat hat. Keine Ahnung, warum ich auf diesen Satz stosse, wenn ich Estébans breites, offenes Lachen sehe. Ich muss ihn irgendwo gelesen haben.
„Estéban“, knurre ich, „du bist mein Schutzengel in dieser Stadt.“
„Eh, denk dran, ich komme auch nicht von hier.“
Manchmal sieht er aus wie Antonio. Meine beiden spanischen Schutzengel. Sie stehen in ihren Türrahmen und teilen einen Augenblick meiner Durchreise wie die Störche auf den Feldern. Blicken mir hinterher und schütteln hinter meinem Rücken, wenn ich es nicht mehr sehen kann, ungläubig den Kopf über diesen Trottel. Bestimmt haben sie recht. Mein leckgeschlagenes Schiff. Kreiselnder Kompass auf dem Achterdeck. Meine dumpfe Betrunkenheit. Ich möchte meine verschimmelte Vergangenheit mit Hektolitern San Miguel fortspülen. Ersäufen. Das Klo runterspülen. Mitsamt der Leica, der verfluchten Tasche und den Bildern in der Pappschachtel. Das könnte sogar klappen, sinniere ich, nachdem ich kurz vor der Gregory beinahe umgerempelt werde, ich könnte die Fotos zerschnippeln und ins Klo streuen. Könnte klappen. Besser wäre noch: verbrennen. Auf einer verdammten Kehrichtschaufel auf dem Balkon oder im Hinterhof. Ich liebe den Geruch von Spiritus am Morgen. Den vollgesogenen, scharf riechenden Canvasstoff. Die nasse, aufweichte Pappe. Mir ist nach Pathos, ich werde wieder richtig munter.
„Estéban“, erkläre ich feierlich, „ich wünschte, es käme ein grosser Regen, der den ganzen Dreck aus der Gosse spült. Aber weils hier nie regnet, werden wir ein grosses Feuer machen. Gleich morgen. Hast du was brennbares beizusteuern? Ein paar alte Briefe von einer ex-nóvia oder Fotos von früher, auf denen du ein Judas Priest T-Shirt trägst, hm?“
Er winkt mich verschwörerisch näher zu sich.
„Soll ich dir was verraten: Hab ich noch nie aufgehoben. Ist bloss überflüssiges Gewicht. Ich leb doch quasi aus meinen Motorradtaschen.“
Vor der Gregory schlägt uns ein infernalischer Lärm um die Ohren. Auf dem Paseo wird eine Burn-Out-Competition ausgetragen. Gestank nach verbranntem Gummi. Ein junger Typ in Turnschuhen übertreibt es und lässt seinen Yamaha Plastikbomber knirschend auf die Seite kippen. Estéban schubst und drängelt sich zur Kreismitte.
„Warte“, rufe ich, aber ich habe ihn schon aus den Augen verloren, er verschwindet im Dickicht aus Jeansjacken und Harley-Aufnähern. In meinem Bier schwimmt ein Zigarettenstummel. Wir laufen auf einer dicken Sedimentschicht aus Plastikmüll. Wherever I may roam.
Irgendwann jenseits Mitternacht werden auf der Plaza Preise vergeben für den besten Burn-Out, den meisten Chrome, lauter solche Kategorien. Ein alter Rocker steht auf der Ladefläche des Trucks, an jeder Seite ein langbeiniges Bunny, und ruft unter Beifallsgrölen die Sieger auf die Bühne. Sie spielen „Break on through“.
Estéban findet mich wieder. Er steht auf einmal vor mir, als wäre er gerade nach einem vierzehnstündigen Erholungsschlaf erwacht und sieht mich mitleidsvoll an. Aus meiner Nase tropft schon wieder Blut.
„Scheiss drauf“, sage ich, „dieses Klima bekommt mir nicht. Ich brauch meine Seeluft. Aber mein Feuer, das machen wir noch. Morgen…“
„Klar, Clemens, machen wir. Gleich morgen. Komm, ich bring dich nach Hause.“
Wir stapfen über den zugemüllten Platz zur Mariano Muñoz, ich fühle mich wie ein Verwundeter und kann mich kaum auf den Beinen halten. Der Asphalt schluckt mit jedem unserer Schritte mehr von meiner Empfindsamkeit. Unsere Fussabdrücke schwingen in den Bierpfützen. Scheinwerferkegel zerteilen die Nacht. Die Luft wie Quecksilber.
Im ersten Stock des Hostal Aragon brennt kein Licht. Doña Marias Sohn schläft einen unruhigen Schlaf, von bösen Träumen geschüttelt. Estéban lehnt mich gegen die Mauer wie eine Bohnenstange, zündet zwei Fortunas an und steckt mir eine zwischen meine spröden Lippen.
„Weißt du, dass ich gitano bin, Clemens?“
Er wartet nicht auf eine Antwort.
„Ich leb nur nicht bei meinen Leuten, auch ein Zigeuner kann Ärger mit seiner Familie haben.“
Er lässt den Kopf leicht auf die Brust sinken, muss aber lächeln bei dem, was er sagt.
„Na jedenfalls, was ich dir noch sagen wollte… Wir machen das seit jeher so: Wenn die Zigeuner durch die Meseta ziehen, rasten wir alle paar Tage für eine Weile. Man sagt nämlich, die Seele sei langsamer als der Körper, also warten wir darauf, dass sie uns wieder einholt. Wenn man zu schnell unterwegs ist, findet sie einen vielleicht nicht wieder und geht irgendwo unterwegs verloren…“
Dann hält er kurz inne, rappelt sich hoch und schüttelt den Staub von seiner Jacke.
„Wollt ich dir noch sagen, kannst damit anfangen, was du willst, o.k.? Und nun schaff deinen besoffenen Arsch die Treppe hoch.“
Ich bleibe stehen, sehe ihn – schon wieder – in das diffuse Dunkel eintauchen und wundere mich einen Moment lang, dass er mich nicht wie eine Bohnenstange mit einem Strick entlang der Mauer festgebunden hat. Bis zum nächsten Frühjahr.
Aus dem Fenster über der Drogueria J. Lozano kommt noch spärliches Licht. Eine gelbe Lampe streut einen Rest Helligkeit bis in mein Zimmer, so dass ich die Konturen der Bettkante und meiner Habseligkeiten gerade noch erkennen kann. Sepiafarben. Aus meinem Schädel sind alle Gedanken ausgezogen. Ein leerer Korpus, besenrein übergeben. Ich habe soviel Platz, dass Bilder von anderen Menschen aufgehängt werden können. Diaprojektionen in Überblendtechnik: Doña Maria, wie sie in den steifen weissen Laken eines Krankenbettes versucht, dem Tod noch ein Jahr abzuringen. Antonio hinter seiner Rezeption, mit müden Augen und einem Comic, die Uhr über der Eingangstür zeigt gerade einmal halb drei, er hat noch fast vier Stunden vor sich in seiner Schicht. Meine Mutter in ihrer engen, teilsanierten Wohnung über dem Blumenladen, wie jede Nacht allein in ihrer bunten Kissenlandschaft. Nur von Milena weiss ich nichts. Sie könnte in einem Club in Friedrichshain tanzen oder an der Veranda eines roten schwedischen Holzhauses ihre klammen Hände um eine dampfende Tasse Tee legen. Vielleicht schreitet sie auch immer noch trittsicher über Astwerk und Wurzeln hinweg immer weiter nach Norden, bis sie am Nordkap steht und es nicht mehr weiter geht. Und selbst dann würde sie noch einen Weg finden, dessen bin ich mir sicher. Milena, mein fremder Scout. Ich bin ihr nicht gefolgt, weshalb es nicht möglich ist zu sagen, es war, in jenem Moment und auch jetzt noch, im Rückblick, ein richtiger Entschluss, sie ziehen zu lassen oder aber ein Fehler. Was hätte ich gefunden, wenn ich an ihrer Seite geblieben wäre? Und was fand ich hier?
Meine Schultern sind eingesunken und verkrampft, wie ich, ohne die Schuhe auszuziehen, mit verschränkten Beinen auf dem Bett sitze. Alles kommt zur Ruhe. Mein Gesicht, das ausdruckslos aber nicht starr der Nacht zugewand ist, bildet nur noch eine polymorphe Fläche aus Haut und Muskelfasern. Darüber gedeckt ein Laken aus Betäubung. Mein Körper ist ein ganz fein gestimmtes Instrument. Violently happy.
Mit einemmal baut sich im Streulicht eine Dünung auf. Ein Schatten rutscht seitlich in den rechteckigen gelben Ausschnitt. Der Schatten kommt zur Ruhe und bildet die Silhoette des Mädchens wie eine Statue, nein, wie einen schwarzen Scherenschnitt gegen den blassen Hintergrund ab. Das milchige Licht löst die scharfen Grate ihres Umrisses auf, umgibt sie wie ein Kranz aus Wärme. Eine Aurora. Das Mädchen ist nackt. Vielleicht kommt sie gerade aus dem Bad, wo sie sich, schon ganz schläfrig, die Zähne geputzt und das Haar geöffnet hat, vielleicht hat sie gerade mit einem Mann geschlafen, der jetzt, zurückgelassen, ausgestreckt auf dem zerwühlten Bett liegt, wohl möglich, dass keine dieser Deutungen, die mich nicht betreffen, stimmt, und sie ahnt, dass ich reglos ihr gegenüber im Dunkeln sitze und inszeniert diese Zurschaustellung. Sie sieht nicht her, lehnt seitlich, im Profil gegen den Fensterrahmen, so dass ich eine seicht geschwungene Linie aus Brust und flachem Bauch und Schenkel abfahre und darin mehr als eine abstakte Komposition sehe.
Ich rauche sehr ruhig in der hohlen Hand, damit sie die Glut nicht aufglimmen sieht, versuche mich nicht zu bewegen und den Moment des Begehrens so intensiv wie möglich in mich einsickern und dort aufgehen zu lassen. We should come together…




